Der indische Kontext
Der gebräuchliche Begriff für Erziehung ist in Indien „education“. Damit meint man – anders als im deutschen Kontext mit dem Begriff „Erziehung“ – in erster Linie die Schul- bzw. Ausbildung, also die Grundlage für den späteren Lebensunterhalt. Diese Ausbildung kostet in Indien oft viel Geld. Für die Aufnahme ihres Kindes in einem Medical College zum Beispiel geben Eltern schon einmal das Jahresgehalt eines Hochschullehrers als Zulassungsgebühr aus – eine Investition, die später die sozialen Türen und Tore weit öffnet. „Education“ ist hier noch das Privileg der Wohlhabenden.
Ein weiteres Merkmal von „education“ ist es, dass diese Art von Bildung fast ausschließlich von Buchwissen geprägt ist, einem auswendig gelernten Wissen, das den Studenten in der Prüfung in Form von sog. ‚question-papers’ nur abgefragt wird. Swami beschreibt genau diese Praxis, wenn er sagt:
„Wir stopfen unsere Köpfe mit Buchwissen voll, betreten den Prüfungsraum, bringen die Antworten auf die Prüfungsfragen zu Papier und verlassen den Raum mit leeren Köpfen! Es ist eine Tatsache, dass der Kopf immer leer bleibt.“ (20.11.2001)
Diese weltlich orientierte und auf Sachwissen reduzierte Bildung hat in erster Linie die Aufgabe, das Funktionieren der Gesellschaft zu sichern. Anders dagegen spirituelle Bildung. Sai Baba hebt in vielen Ansprachen hervor, dass „bookish knowledge“ nicht das Ziel menschlichen Daseins sei. Erst „inner knowledge“ oder „inner values“ machten das Menschsein aus. „Bildung gilt dem Leben, nicht aber dem Erwerb des Lebensunterhalts“, betont Swami in derselben Ansprache. Ebenso verweist er immer wieder darauf, dass Bildung wie auch Gesundheit Geburtsrechte des Menschen seien, die allen gleichermaßen und kostenfrei zur Verfügung gestellt werden sollten. Seine Schulen, Colleges, Universität und Krankenhäuser sind darin aller Welt ein Vorbild. Was bedeutet nun der neue Begriff „Educare“?
„Educare“ und „Education“
Swamis Wortprägung „Educare“ ist ein Kompositum der englischen Wörter „education“ (Erziehung, Bildung) und „care“ (Fürsorge). Der englische Begriff „education“ selbst geht auf zwei lateinische Verben zurück: auf „educare“, was „erziehen“, aber auch „ernähren“ bedeutet; und „educere“, was wörtlich „herausholen, bzw. herausziehen“ bedeutet. Damit werden in dem Begriff „education“ zwei wesentliche Aspekte von Erziehung angesprochen: sowohl das „Versorgen des Zöglings mit geistiger Nahrung“ (educare), als auch das „Entfalten der im Zögling schon vorhandenen Anlagen“ (educere).
Sai Baba prägte den Begriff „Educare“ während der internationalen Konferenz „Strengthening Values Education“, die vom 25. bis 29. September 2000 in Prasanthi Nilayam stattfand, und stellte genau diese beiden Aspekte von Erziehung gegenüber. In der zweiten Ansprache heißt es gleich zu Anfang:
„Erziehung hat zwei Aspekte: Der erste bezieht sich auf äußere, weltliche Erziehung, welche nichts als den Erwerb von Bücherwissen meint. In der modernen Welt finden wir viele Menschen, die in dieser Hinsicht sehr versiert und hochqualifiziert sind. Der zweite Aspekt, bekannt unter dem Begriff Educare,bezieht sich auf die menschlichen Werte. Das Wort Educare bedeutet: hervorbringen, was im Inneren ist. Die menschlichen Werte Wahrheit, Rechtes Handeln, Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit (Sathya, Dharma, Shanthi, Prema und Ahimsa) liegen im Inneren eines jeden menschlichen Wesens verborgen. Man kann sie nicht von außen erwerben; sie müssen aus dem Inneren hervorgeholt werden. Aber da der Mensch seine eingeborenen menschlichen Werte vergessen hat, ist er nicht imstande, sie zu manifestieren. Educare bedeutet, menschliche Werte hervorzubringen; und ‚hervorbringen’ heißt, sie in praktisches Tun und Handeln umzusetzen.“ (26.09.2000)
„Educare“ meint also den spirituellen Aspekt von Erziehung und betont die Entfaltung dessen, was in jedem Menschen bereits angelegt ist, nämlich die Entfaltung der fünf Menschlichen Werte. Im weiteren Verlauf seiner Ansprache stellt Swami immer wieder den Unterschied von weltlicher und spiritueller Erziehung durch Gegensatzpaare heraus:
Education |
“Educare” |
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ist äußerlich und weltlich
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ist vergänglich
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moderne Erziehung kann nicht Erziehung im wirklichen Sinne genannt werden
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bedeutet nur die Erlangung von Buchwissen
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bezieht sich auf den Lebensunterhalt
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weckt Wünsche führt zu Wiedergeburt
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fördert nur die Intelligenz, nicht die Tugenden
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erweist sich als der spirituelle Aspekt von Erziehung
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ist ewig
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ist die wahre werteorientierte Erziehung, die die Welt heute braucht
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kann nicht aus Büchern gelernt werden
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bezieht sich auf das Leben selbst
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kann Wünsche kontrollieren
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verleiht Unsterblichkeit
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vermittelt Tugenden, guten Intellekt, Hingabe, Gehorsam und Disziplin
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Nur eine spirituelle Erziehung hat das Ziel, die dem Menschen inne wohnende Göttlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Weltliche Erziehung dagegen verfolgt andere Zielsetzungen. Diese sind zwar legitim, um auf der weltlichen Ebene des Lebens zurechtzukommen, dürfen aber nicht ausschließlich verfolgt werden. In der bereits zitierten Eröffnungsansprache zur „Ersten Konferenz der Sathya Sai Schulen in aller Welt“ ein Jahr später, am 20.November 2001, in Prashanti Nilayam führt Swami diesen Gesichtspunkt weiter aus:
„Folglich müssen wir diesem Buchwissen Educare hinzufügen. Educare ist praktisches Wissen. Um von oberflächlichem Wissen zu praktischem Wissen zu gelangen, muss man einige Schritte zurücklegen. Von oberflächlichem Wissen müssen wir zum Allgemeinwissen voranschreiten. Nach gründlicher Analyse des Allgemeinwissens gewinnen wir Unterscheidungskraft und erkennen den Unterschied zwischen Gut und Böse. Vom auf der Unterscheidungskraft beruhenden Wissen gelangen wir zum praktischen Wissen. Dieses praktische Wissen ist unveränderlich.“ (20.11.2001)
Als das Ziel ‚wahrer Erziehung’ nennt Sai Baba immer wieder Charakter, Reinheit, Göttlichkeit; und dieses Ziel wird nur erreicht, wenn wir unser Wissen verfeinern:
- vom Buchwissen
- über das Allgemeinwissen
- und das Unterscheidungswissen
- hin zum praktischen Wissen.
Swami geht es also vor allem um eine Erziehung, die den Menschen seinem Lebensziel, d.h. seiner ihm innewohnenden Göttlichkeit näher bringt. Dabei darf weltliche Erziehung aber nicht außer Acht gelassen werden. Auf der Schlussveranstaltung der Ersten Konferenz der Sathya Sai Schulen beantwortete Sai Baba unter den Fragen der Delegierten auch die Frage nach dem Verhältnis von Sathya Sai Schulen und Schulen der Regierung. In seiner Antwort macht er noch einmal die beiden Aspekte von Erziehung deutlich:
„Sathya Sai Erziehung vermittelt praktisches Wissen, während die staatliche Ausbildung nur Buchwissen lehrt. Aber ignoriert auch das Buchwissen nicht, denn das erste gewährt uns spirituelles Glück und das letztere weltliches Glück. Die staatliche Bildung gibt uns die Mittel zum Lebensunterhalt, während Sathya Sai Erziehung uns zum letztendlichen Ziel des Lebens führt. Die beiden sind die zwei Seiten derselben Münze.“ (21.11.2001)
Die Antwort erinnert an Jesu Antwort auf die Frage der Pharisäer, ob man denn dem Kaiser Steuern schulde. Jesus wusste, dass sie ihn in Widersprüche verwickeln wollten, ließ sich eine Steuermünze geben und fragte sie: „Wessen Bild und Aufschrift ist das?“ Sie sprachen zu ihm: „Des Kaisers.“ Da antwortete er: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt. 22, 21) Weltliches und spirituelles Leben schließen sich nicht aus, sie sind nur zwei Ansichten desselben einen Lebens.
Die Grundlagen: Die fünf Elemente und die fünf Menschlichen Werte
Da das Ziel von „Educare“ im Sinne ‚wahrer Erziehung’ die Entwicklung der dem Menschen innewohnenden Göttlichkeit ist, kann sich Erziehung nicht nur mit einzelnen Teilbereichen des Lebens befassen, sondern muss das ganze Leben mit einbeziehen. Sie schließt sogar die gesamte Schöpfung mit ein, denn der Mensch ist ja mit ihr in vielfältiger Weise verbunden. Aus diesem Grund weist Sai Baba in letzter Zeit auch verstärkt auf den Aufbau und einige grundlegende Zusammenhänge in der Schöpfung hin:
Da sind zunächst die fünf Elemente Äther/Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde, aus denen die gesamte Schöpfung aufgebaut ist, wobei diese Elemente sowohl in feinstofflicher als auch in grobstofflicher Form existieren. Unsere Vorfahren haben diese Elemente, wie Swami in einer Ansprache sagt, zu Recht als Aspekte Gottes verehrt:
„Die fünf Elemente: Erde, Wasser, Luft, Feuer und Äther sind alle Aspekte Gottes. Da diese fünf Elemente göttlichen Ursprungs sind, verehrten unsere Vorfahren sie als Verkörperungen des Göttlichen. Sie verehrten sie als Göttin Erde, als verschiedene Flussgottheiten, als Gott des Feuers, Gott des Windes und Gott des Raumes.“ (15.05.2000)
Auch der Mensch, selbst ein Teil der Schöpfung, trägt diese fünf Elemente in sich. Er nimmt ihre entsprechenden Eigenschaften wie Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch durch seine fünf Sinne wahr, die ebenfalls auf den fünf Elementen basieren. Sai Baba weist aber auch häufig auf die fünf Hüllen („Koshas“) des Menschen hin, die sowohl mit den fünf Elementen als auch mit den fünf menschlichen Werten Wahrheit, Rechtes Handeln, Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit in Wechselwirkung stehen.
Grundlage einer spirituellen Erziehung ist also zuerst das rechte Verständnis vom Menschen innerhalb der Schöpfung. Die Wechselwirkung zwischen beiden lässt sich am Beispiel der fünf Elemente gut nachvollziehen: Auf der grobstofflichen Ebene unserer Existenz ist es eine alltägliche Erfahrung, dass die fünf Elemente heute stark verunreinigt sind, und dass sich die Natur nicht mehr in ihrer ursprünglichen Balance befindet. Für diesen bedauerlichen Zustand der Welt ist der falsche Gebrauch, den wir von unseren Sinnen machen (eigentlich der falsche Gebrauch, den wir von den unseren Sinnen zugrundeliegenden Energien (indriyas) machen, wie Sai Baba es genauer ausdrückt) verantwortlich. Er ist also allein das Werk des Menschen.
Folglich ist auch nur der Mensch in der Lage, die Situation wieder zu ändern. Er hat nämlich das Potential in sich, die Balance der Elemente im Äußeren wiederherzustellen, indem er die Harmonie der Elemente in sich selbst wiederherstellt – und zwar durch die rechte Nutzung der Elemente wie auch mit Hilfe der Kontrolle der Sinne, wie Sai Baba sagt:
„Die fünf Elemente stehen in Beziehung zu den fünf Sinnen der Wahrnehmung des Menschen und ihren Eigenschaften des Sehens, Schmeckens, Berührens, Riechens und Hörens. Die wahre Bedeutung der Verehrung der Elemente ist die, dass der Mensch nicht nur den rechten Gebrauch dieser Elemente machen, sondern ebenso seine Sinne des Sehens, Schmeckens, Berührens, Riechens und Hörens heiligen sollte.“ (25.09.2000)
Und das kann der Mensch nur vollbringen, wenn er seine Wahrnehmungskräfte (indriyas) auf das Gute ausrichtet: die Sehkraft auf das Wünschenswerte richtet, die Zunge das Rechte sprechen lässt oder seine Hände Segenbringendes tun lässt.
„Educare“ ist also ein Prozess, der darauf ausgerichtet ist, die ganzheitliche Verbundenheit aller Elemente der Schöpfung wahrzunehmen, sie zu verstehen und in gottgewollter Weise wiederherzustellen. Die folgende Übersicht macht noch einmal die zuvor erwähnte Zuordnung von Elementen, ihren Eigenschaften und den Sinnesorganen, wie sie den Ansprachen Sai Babas zu entnehmen ist, deutlich:
Element |
Eigenschaft/Erfahrung |
Sinnesorgan |
Äther/Raum
(Akasha) |
Klang
(Shabda) |
Ohr/hören |
Luft
(Vayu) |
Berührung
(Sparsha) |
Haut/fühlen |
Feuer
(Agni) |
Form
(Rupa) |
Auge/sehen |
Wasser
(Jala) |
Geschmack
(Rasa) |
Zunge/schmecken |
Erde
(Prithivi) |
Geruch
(Gandha) |
Nase/riechen |
Der Prozess von „Educare“ bezieht also grundsätzlich alle Aspekte der Schöpfung mit ein, alle Aspekte dieser ‚göttlichen Projektion’, über die Swami einmal sagte:
„Ich war allein; da trennte ich mich von mir selbst, um mich zu lieben.“
Die Vielfalt, in der sich uns die Schöpfung zeigt, ist nämlich auf einen einzigen Ursprung zurückzuführen: auf Gott. Und das Ziel jeden Lebens ist es, diesen Ursprung in sich vollkommen zum Ausdruck zu bringen und somit zu ihm zurückzukehren.
Es gibt aber noch einen weiteren wesentlichen Aspekt der Schöpfung, durch den die Ordnung der fünf Elemente aufrecht erhalten wird und der dafür sorgt, dass sie in perfekter Harmonie wirken können: Es sind dies die fünf Menschlichen Werte, von denen Swami sagt, dass sie sowohl im Menschen als auch in der gesamten Schöpfung enthalten sind. Die Abläufe in der Natur, soweit der Mensch nicht in sie eingreift, geben uns das perfekte Beispiel für ihr Wirken:
Die Energie der Liebe ist das alles verbindende Band. Sie hält auch die fünf Elemente, die in Wahrheit auf einen einzigen Ursprung zurückgehen, zusammen. Sie folgen, wie alles in der Natur, einem perfekten „Code of Conduct“ und erfüllen so ihr Dharma (Rechtschaffenheit). Dadurch entsteht eine natürliche Harmonie, die sich in Schönheit und Frieden ausdrückt. Diese Gesetzmäßigkeit allen Geschehens ist auch Ausdruck der Einheit der Elemente. Ihre Harmonie stellt sich zudem in völliger Gewaltlosigkeit ein, sie existiert in Übereinstimmung mit der Absicht des Schöpfers. Die vollkommene Harmonie, in der sich die fünf Elemente natürlicherweise befinden, ist somit Ausdruck der in der Schöpfung enthaltenen fünf Menschlichen Werte.
Die fünf Menschlichen Werte sind also wie schon die fünf Elemente auch im Menschen selbst enthalten. „Menschliche Werte sind in jeder Körperzelle enthalten, ohne sie ist Menschsein unmöglich.“, sagt Swami in einer grundlegenden Ansprache über die Werte am 13.01.1992. Und da im Prozess von „Educare“ die fünf Menschlichen Werte aus dem Inneren des Menschen hervorgeholt und zur vollkommenen Entfaltung gebracht werden, werden dadurch auch die fünf Elemente im Menschen wie auch in der gesamten Schöpfung wieder in Harmonie gebracht.
Der Prozess: Transformation als Aufgabe des Menschen
Aus der Sicht des Lehrers ist „Educare“ ein Erziehungsprozess, aus der Sicht des Schülers der Prozess seiner eigenen Transformation. Wir wissen, dass nur der Mensch es vermag, seine Natur bewusst zu transformieren, und so ist er auch der Anfangspunkt für diesen Prozess, der sich auf die gesamte Schöpfung auswirkt. Wie vollzieht sich nun dieser Prozess?
Da die Welt so, wie wir sie vorfinden, eine Projektion unseres Bewusstseins (‚mind’) ist, ist es von entscheidender Bedeutung, wie wir mit unserem Bewusstsein umgehen. Sai Baba benutzt gerne das Bild eines Schlosses: Unser (spirituelles) Herz ist das Schloss, unser ‚mind’ der Schlüssel. Drehen wir den Schlüssel nach links, schließen wir das Schloss, d.h. wir wenden uns der Welt zu. Drehen wir dagegen den Schlüssel nach rechts, öffnen wir es, d.h. wir wenden uns Gott zu. „Es sind dasselbe Schloss und derselbe Schlüssel, die dafür verantwortlich sind, ob wir uns binden oder befreien.“, sagt Sai Baba in seiner bereits zitierten Ansprache vom 26.09.2000.
Wie aber bringen wir unser Bewusstsein dahin, sich Gott zuzuwenden? Der erste Schritt für jede Transformation geschieht in unserem Denken. Es ist unser Denken, das das Bewusstsein mit Erfahrungen versorgt, bzw. unseren Erfahrungen in der Welt eine bestimmte Qualität zuordnet. Daher müssen wir zuallererst gute Gedanken entwickeln. Sai Baba benutzt hierzu ein Bild aus der Natur:
„Wenn man kleine positive Gedankenkiesel in das (Wasser) des Bewusstseins wirft, erreichen die Wellen alle Sinnesorgane, und setzen sich fort als gute Worte, Gutes Sehen, gute Handlungen und Gutes Hören.“ (21.05.2000)
Die Qualität unseres Denkens bestimmt also die Qualität seiner Folgen. Sai Baba sagt:
"Säe den Samen eines guten Gedankens,
und du erntest eine gute Handlung.
Säe den Samen einer guten Handlung,
und du erntest eine gute Gewohnheit.
Säe den Samen einer guten Gewohnheit,
und du erntest einen guten Charakter.
Säe den Samen eines guten Charakters,
und du erntest ein gutes Schicksal.“
So, wie wir denken, werden wir. Es liegt also in unserem eigenen Interesse, unser Schicksal mit Hilfe unseres Denkens positiv zu gestalten.
Entscheidend für den Gebrauch des Schlüssels (‚mind’) sind neben unserem Denken aber auch unsere Sinne. Sie leiten die Informationen aus der Außenwelt in unsere Innenwelt. Ihrer Neigung, ein Eigenleben zu führen, müssen wir mit entsprechender Kontrolle begegnen. Leider versäumen wir das und missbrauchen unsere Sinne immer wieder, was beispielsweise zu innerer Unruhe oder zu Krankheiten führt. Wenn wir unsere Sinne in der rechten Weise nutzen, uns aber auch ihrer Begrenzungen bewusst sind, bewältigen wir unsere Aufgabe der Transformation erfolgreich.
Alle Bereiche unseres Daseins sind eng miteinander verwoben. Das Denken und die Sinne z.B. sind aufeinander bezogen. Es ist daher eine weitere wichtige Aufgabe im Prozess der Transformation, diese Bereiche in das rechte Verhältnis zueinander zu bringen. Sai Baba prägt uns immer wieder den Gedanken ein, dass Menschsein bedeutet, die Einheit der „3 H“, im Englischen Head – Heart – Hand (Haupt, Herz und Hand) zu leben. Wir sprechen auch von der Einheit von Gedanke, Wort und Tat. Sobald in uns ein Gedanke auftaucht, sollten wir ihn in unserem spirituellen Herzen (unserem Gewissen), in dem die Menschlichen Werte zu Hause sind, überprüfen, bevor wir ihn dann in die Tat umsetzen. Das ist der rechte Weg der Transformation. Nur wenn diese „3 H“ übereinstimmen, kann Harmonie innen wie außen entstehen.
Hilfe auf dem Weg der Transformation bieten uns die „5 D“, die Sai Baba immer wieder einfordert. Sie ermöglichen uns, den Teufelskreis unguter Gedanken und Gewohnheiten zu durchbrechen und den Weg zurück zu unserem Ursprung tatsächlich auch zu gehen. Es sind dies:
D evotion - Hingabe
D iscrimination - Unterscheidungskraft
D iscipline - (Selbst-)Disziplin
D etermination - Entschiedenheit
D uty - Pflichtbewusstsein |
Unsere Transformation beginnen wir mit der Hingabe an Gott, sie ist uns Motivation auf dem Weg. Unsere Unterscheidungskraft befähigt uns, gute von schlechten Gedanken zu unterscheiden, wodurch wir bei genügend Selbstdisziplin auch entsprechend gute Handlungen vollbringen. Entschiedenheit brauchen wir dann, um die guten Handlungen zu guten Gewohnheiten werden zu lassen. Mit Pflichtbewusstsein schließlich drücken wir die erlangten Tugenden in der Gesellschaft aus, wir nutzen sie zum Dienst am Nächsten. Diese „5 D“ sind Hilfsmittel auf dem Weg der Transformation, sind Begleiter im Prozess von „Educare“.
Transformation ist also eine Reise, die uns zu unserem Ursprung zurückbringt, dem Sinn und Ziel unseres Lebens. Diese Wahrheit ist in allen Religionen enthalten. Daher kann Swami zum Abschluss der zitierten Konferenz zu den Delegierten auch sagen:
„Educare, Spiritualität und Religion (sind) nicht voneinander verschieden.“ (21.11.2001)
Mit „Educare“ hat Sai Baba die wesentlichen spirituellen Grundsätze dieser Reise dargelegt und in ein ganzheitliches System gefasst. Es ist auf jedes bestehende weltliche Erziehungssystem anwendbar und erweitert dessen Möglichkeiten ganz entschieden. Mit Swamis Worten:
„Es gibt viele Aspekte im modernen Bildungswesen, die wir verstehen müssen. Doch wir lernen nicht, was wir lernen sollten, sondern sammeln stattdessen nur belanglose Informationen. Lediglich den Inhalt eines Buches in sich aufzunehmen, ist weltliche Bildung. Doch diese Bildung muss mit Educare vereinigt werden. Nur dann erwächst euch daraus Glückseligkeit. Worin liegt der Unterschied zwischen ‘Education’ und ‘Educare’? ‘Education’ ist wie schales Wasser, ‘Educare’ dagegen wie Zucker. Fügt man Zucker dem Wasser nur hinzu, wird es noch nicht süß. Erst wenn man kräftig umrührt, löst sich der Zucker und tränkt das Wasser mit seiner Süße. Das Herz ist der Trinkbecher, Göttlichkeit der Zucker und weltliche Bildung das schale Wasser. Mittels der Intelligenz als ‚Löffel’ und Nachforschung als dem Vorgang des ‚Umrührens’ erfahren wir die alles durchdringende Göttlichkeit. Das ist wahre Weisheit, die uns befähigt, die Einheit der gesamten Schöpfung zu erkennen.“ (20.11.2001)
Somit entspricht das Konzept von „Educare“ der grundlegenden Weisheit der Veden, die besagt, dass sich die Quelle allen Wissens und aller Erfahrung in unserem innersten Selbst befindet. Wir müssen nur hinabtauchen zu dieser Quelle und das ‚Wasser des Lebens’ heraufholen. „Educare“ ist mit anderen Worten der Prozess der Entwicklung des Menschen zu Gott.
Nachtrag : Am Ausgang des neuen Museums Chaitanya Jyothi in Puttaparthi befinden sich drei Tafeln, auf denen noch einmal das Lebenswerk Sai Babas zusammenfassend dargestellt ist. Sie tragen die Titel „Educare“, „Medicare“ und „Sociocare“. Pädagogische, medizinische und soziale Fürsorge – diese drei großen Bereiche gesellschaftlichen Lebens enthalten die zentralen Anliegen des Wirkens Sathya Sai Babas sowie der Sathya Sai Organisationen in aller Welt.
(Norbert Nicolaus, Antweiler, 2002)