April 2007 - Jahrgang 1 - 4. Ausgabe


 

Liebe meine Unberechenbarkeit

Sri Sanjay Sahani

Sri Sanjay Sahani, ehemaliger Sai Student, ist gegenwärtig Direktor des Brindavan Campus der Sri Sathya Sai Universität.


„Du musst nicht nur frei von Furcht, sondern auch frei von Hoffnung und Erwartung sein. Vertraue in Meine Weisheit. Ich mache keine Fehler. Liebe Meine Unberechenbarkeit, sie ist kein Fehler. Sie ist Meine Absicht und Mein Wille. Sei gewiss, nichts geschieht ohne Meinen Willen. Sei ruhig. Bitte nicht zu verstehen. Gib auf, verstehen zu wollen. Gib das Begehren auf, verstehen zu wollen.“

(Bhagavan Baba, Sanathana Sarathi, August 1984)

Ein letzter Darshan – Die Notlage

„Wann sind Deine Prüfungen zu Ende?” fragte Bhagavan – nicht einmal, zweimal, sondern dreimal über einen Zeitraum von einigen Wochen hinweg. Jedes Mal antwortete ich: „Am 30. Mai, Swami.“

Es war im Sommer 1983.

Wir beendeten damals gerade unser erstes Jahr des fünf-jährigen integrierten Kurs-Programmes, welches das neu-gegründete Sri Sathya Sai Institut of Higher Learning ( jüngst umbenannt in Sri Sathya Sai Universität) aufgelegt hatte. Der Geist verweigerte sich, den Zweck dieses wiederholten Fragens zu erforschen, während das Herz in der Glückseligkeit von sambhasanam (Konversation mit dem Göttlichen) schwelgte.

Swami verließ Puttaparthi nach Brindavan am 8. Mai, und wir waren mit den Universitäts-Examina beschäftigt, die am nächsten Tag beginnen sollten. Im Laufe des Tages fühlte ich, dass es höchst unpassend wäre, wenn ich zu meiner Heimatstadt aufbrechen würde, ohne Bhagavans Erlaubnis und Seinen Segen eingeholt zu haben; besonders, da Er doch so liebevoll nach dem letzten Examenstag gefragt hatte.

So geschah es also, dass ich am 30. Mai mit einigen meiner Klassenkameraden und der Großmutter eines der Studenten in den Bus nach Bangalore stieg und wir uns dann spät in der Nacht in ein Hotel einmieteten.
 

Am nächsten Tag erreichten wir Brindavan und warteten auf unseren geliebten Herrn in Kalyan Mandapam.

Bhagavans Bungalow-Residenz war niedergerissen worden und Trayee Brindavan wurde gerade gebaut. Bhagavan hatte Devi Nivas, das Haus des Rajmata von Nawanagar (welches zwischen dem Aschram und dem College liegt) zu Seiner zeitweiligen Residenz gemacht. Er kam jeden Tag im Auto von dort; gab den Devotees Darshan in der Sai Ram Halle und saß dann mit den Studenten und Lehrern in Kalyan Mandapam.

Da es Ferienzeit war, schienen wir die einzigen Studenten dort zu sein, und wir träumten davon, dass sich uns eine goldene Chance bieten könnte.

Jedoch nach dem Darshan ging Bhagavan immer hinüber zum Bau-Gelände und danach stieg Er ins Auto und kehrte nach Devi Nivas zurück. Unsere Gruppe von acht Studenten war deutlich enttäuscht, denn wir hatten für diesen Tag ein Weiterfahrt-Ticket mit dem Zug; und unser Zweck, weshalb wir Brindavan besucht hatten, schien mit diesem Ablauf der Ereignisse vereitelt zu sein.

Ein Ertrinkender ist bereit jeden Strohhalm zu ergreifen. Einer unserer Lehrer schlug vor, dass wir nach Devi Nivas gehen sollten um unser Glück zu versuchen. Wir liefen geschwind dort hin, aber die Tore waren verschlossen. Bhagavan war drinnen und wir waren draußen.

Plötzlich erschien ein bekanntes Gesicht auf der Bühne. Es war einer von Bhagavans Fahrern. Wir erkannten uns, und er bot sich an, unsere Briefe mit hinein zu nehmen, falls welche da wären. Wir übergaben ihm alle Briefe für Bhagavan, außer einem, den ich bei mir hatte. Kurz bevor ich Puttaparthi verlassen hatte, war ein älterer Mitstudent zu mir gekommen und wollte, dass ich einen Brief an Bagavan persönlich übergeben solle, da es ein besonderer Brief sei. Ich fragte ihn, ob ich den Brief auch jemand anderem übergeben könnte, falls ich nicht die Chance bekäme, es selbst zu tun. Der Junge zögerte und sagte dann, dass ich ihm den Brief in einem solchen Fall nach den Ferien zurückgeben sollte.

Etwas später kam der Pförtner des Brindavan Jungen Hostels mit seinem Auto heraus, und wir trafen ihn am Tor. Wir erklärten ihm unsere Notlage, und er schlug vor, wir sollten Bhagavan einen Brief schreiben, welchen er dann, wenn er in einigen Minuten zurückkäme, mit hinein nehmen würde. So setzten wir uns also hin und schrieben unserem Herrn gemeinsam diesen Brief:

 

Liebster Herr ,  

Wir sind Deine Kinder von Puttaparthi auf dem Rückweg zu unseren Heimatstädten.

Wir beten um Deinen Darshan und Deinen Segen vor unserer Rückfahrt.

Deine ……….

Alle acht unterschrieben den Brief. In wenigen Minuten kehrte der Pförtner zurück und nahm den Brief mit hinein. Einige ängstliche Augenblicke vergingen. Dann sahen wir, wie jemand uns vom Säulen-Eingang des Gebäudes zuwinkte. Die Tore des Himmels öffneten sich. Wir warfen unsere Sandalen beiseite und rannten rein. Als wir die Stufen des Portikus hinaufkletterten, öffnete sich die Tür und Bhagavan kam heraus mit Seinem bezaubernden Lächeln.

„Wenn Du Mich brauchst, hast Du Mich verdient!“

Oh, die Seligkeit dieses Augenblicks! Aus den Tiefen der Verzweiflung wurden wir in die Höhen der Ekstase transportiert. Bhagavan hatte sich schon zurückgezogen, und nur für eine Handvoll Studenten war Er noch einmal herausgekommen. In diesem Moment waren wir uns deutlich bewusst, welches Glücksgeschenk wir bekamen. Meine Hände zitterten, als ich den Brief meines älteren Studienkameraden überreichte. „Haath me dene ko bola naa. Haath me dene ko bola (Er bat dich, dies nur in Meine Hände zu geben, nicht wahr?)“, bemerkte Bhagavan wissend. Meine Haare standen mir zu Berge und ein freudiger Strom des Entzückens ging durch meinen ganzen Körper, als ich Seine Worte hörte. Wir waren von Angesicht zu Angesicht mit unserem Gott, dem allwissenden Gott, dem ewigen Zeugen des ganzen kosmischen Spiels, aber im nächsten Moment unterlagen wir schon wieder der Täuschung. Bhagavan fragte liebevoll nach unseren Heimatstädten, und wir begannen wieder wie Dummköpfe den All-Wissenden zu informieren. Seine Ehrfurcht-gebietende Allwissenheit wurde von der Süße Seiner persönlichen Nähe aufgesogen. Er verteilte Vibhuti-Prasad an uns alle. Ein Student bat um Prasad für die Eltern, und wir bekamen eine z weite Prasad-Runde ausgeteilt. Ein anderer Junge informierte Swami, dass seine Großmutter uns begleiten würde. „Setzt sie in einen Hubschrauber.“ Bhagavans Antwort enthüllte wiederum Seine Allwissenheit, denn sie hatte am vorherigen Abend über die Schwierigkeiten geklagt, die wir hatten , Hotelunterkunft zu besorgen.

 

Als sich Bhagavan umdrehte um hinein zu gehen, rief einer der Jungen (der am Nachmittag um 1.00 Uhr losfahren musste), unfähig seine Freude zu kontrollieren: „Sai Ram, Swami.“ „Sai Ram“, antwortete Bhagavan und segnete uns mit Seiner „abhaya hasta Segens-Geste. Wir waren entzückt über Seine unerwarteten Grüße, und so prägte Er für alle von uns ein geliebtes Stück Erinnerung für ein ganzes Leben.

Der Dichter William Blake sagte einst:

Sieh die Welt in einem Sandkorn und den Himmel in einer wilden Blume,
Sieh die Unendlichkeit in Deiner Handfläche und die Ewigkeit in einer Stunde.

Die Veden beschreiben den Herrn als „kalateetaya namah“ (der, der die Zeit transzendiert, das zeitlose Wesen ). Wirklich, in der Gegenwart Bhagavans stand die Zeit still und was in der Realität nur wenige Minuten gewesen sein dürfte, schien wie die Ewigkeit.

Wir hatten auf keine Vorzüge auf unserer Seite zu verbuchen – weder Reichtum noch Sozialstatus. Wir waren einfach ‚nobodies’. Alles, was wir wussten, war, dass wir Hunger nach Ihm hatten, hungrig nach Seiner Liebe. „Wenn ihr Mich braucht, verdient ihr Mich“, erklärt Bhagavan. „Liebt meine Unberechenbarkeit.“ Wir wurden eingeführt in das ABC Seines spirituellen Vokabulars.

 

 

Unvorhersehbar, aber sicher ist Seine Gnade!

Die Jahre vergingen, und ich kam zum Ende meines Abschlussjahres in M.Com. (A.d.Ü.: Master of Commerce).

Die Tür unseres Klassenraumes und das Institut in Puttaparthi öffnete sich zum Korridor des ersten Stockwerks und war immer verschlossen. So war der Eintritt in unseren Klassenraum nur durch den benachbarten Klassenraum möglich. Eines Morgens, während des Unterrichts, öffnete sich plötzlich die Tür und Bagavan stand da. Das war sehr ungewöhnlich und vorher noch nie vorgekommen. Wenn Er sonst früher zum College kam, besuchte Er immer nur das naturwissenschaftliche Labor, aber nicht die Klassenräume der Abteilung Handel. An jenem Tag hatte Er einige Sadhus (Mönche) mitgebracht, die die Sadhu Samelan - Gesellschaft in Puttaparthi organisierten. Sie hatten einen entsprechenden Hintergrund im Fach Handel und so hatte der Herr entschieden, ihnen die Abteilung Handel zu zeigen.

Voller Ehrfurcht und Freude standen wir alle auf, als Swami unseren Professor begrüßte. Der Vize-Kanzler, Mr. S.N. Saraf, der Baba in den Klassenraum gefolgt war, bemerkte einen meiner Klassenkameraden und sagte zu Bhagavan: „Swami, dieser Junge sprach heute in der Gebets-Halle über Sami Vivekananda.“ „Wie sprach er?“ fragte Bhagavan. „Sehr gut“, antwortete der Vize-Kanzler. Bhagavan winkte den Studenten zu sich und forderte ihn auf padanamaskar (Berührung der Füße) zu nehmen. Dann segnete Er uns alle und ging. Später sagte mein Klassenkamerad zu mir: „Du hast viele Male in Bhagavans Gegenwart gesprochen, ich hatte nie die Gelegenheit. Das einzige Mal, dass ich eine Ansprache gehalten habe, war im College. Aber Swami ist den ganzen Weg zu unserem Klassenzimmer gekommen, um mir padanamaskar zu geben.“

Wann, wo, wie und wem Swami Seinen Segen schenkt, kann niemand vorhersagen. Wir müssen Seine Unvorhersehbarkeit lieben und müssen immer bereit sein Seine Gnade zu empfangen.

Eine Göttliche Lektion

Es war am 30. Dezember 1997, dem Tag des Sri Sathya Sai Unity Cup Spiels, dem ersten internationalen Kricket-Match in Puttaparthi zwischen India XI und International XI. Die Studenten und der Staff der Universität waren von ihren Aufgaben entbunden, da unser Institut das Spiel betreute; anwesend als Haupt-Gast war der Premier-Minister von Indien, Herrn I.K. Gujral. Es lag viel Aufregung in der Luft, aber wir waren mit der Vorbereitung im Hintergrund beschäftigt. Ich hatte die Aufgabe, Lebensmittel von den drei Kantinen des Ashrams zu verschiedenen Orten zu bringen.

Nichts klappte an diesem Tag bei mir. Von dem Verschwinden der Fahrer, über die Vorverlegung der Frühstückspause um eine Stunde, bis zum Verkehrsstau auf der Straße und die daraus folgende Verwirrung – viele Dinge liefen schief an diesem Tag und warfen alle meine Pläne über den Haufen. Nach einer bizarren Folge von Ereignissen saß ich am Abend, nachdem alle Gäste gegangen waren, im Mandir Portikus, niedergeschlagen und sehr enttäuscht von mir, dass ich die Erwartungen, die Bhagavan in mich gesetzt hatte in Bezug auf die Erledigungen an diesem Tag, nicht erfüllt hatte. Ich hatte zwar gegen alle Widerstände mein Bestes getan, zeitweilig sogar über mir bekannte Kräfte hinaus und gegen mein Temperament. Aber es hatte nicht gereicht.
 

Bhagavan kam zu uns und sagte zu dem Pförtner: „Ich bin sehr glücklich mit der Arbeit der Jungen und ihrer Lehrer.“ Dann ging er zu dem Platz, wo die Lehrer saßen, zeigte auf einige Lehrer und fragte: „Wer hat den ganzen Tag gearbeitet?“ „Wir haben alle zusammen gearbeitet, Swami“, antworteten alle Lehrer im Chor und Swami war damit zufrieden. Sofort wurde meine Stimmung angehoben und die Niedergeschlagenheit und Enttäuschung, die meinen Geist umwölkt hatte, verschwand wie in einem Traum. Bei tieferem Nachdenken konnte ich dann erkennen, dass Sai die Ereignisse dieses Tages so gewollt hatte. Was Er schätzte und bestätigen wollte, das war der ernsthafte, entschlossene und hingebungsvolle Einsatz, den jeder einzelne von uns geleistet hatte.

Während die Welt das Cricket-Spiel genoss, lernten wir unsere eigene spirituelle Lektion von Liebe und Hingabe.

Das Glück liegt darin, Seiner Weisheit zu vertrauen

Bhagavans Geburtstags-Feier von 1989 näherte sich. Bhagavan hatte mir erlaubt nach den Geburtstags-Feierlichkeiten nach Delhi zu reisen, um dort einige persönliche Dinge zu erledigen und in 15 Tagen wieder zurück zu kommen. Am 24. November bat ich Ihn um innere Führung bezüglich meiner Abfahrt. Er sagte mir, ich solle am folgenden Tag abfahren. Nach dem Bhajan-Singen ging ich zu einem Devotee, der auf meine Bitte hin mir für diesen Tag ein Ticket reserviert hatte. Ich entschuldigte mich bei ihm und erklärte die neue Entwicklung. Der Devotee sagte, ich solle mir keine Sorgen machen und er würde das Ticket wieder zurückgeben. Es schien mir etwas komisch, ein reserviertes Ticket von Puttaparthi nach dem Geburtstag zu canceln, um dann früher ohne Reservierung zu fahren. Aber wenn dies der Plan des Herrn war, dann war’s das.

 

Ich erreichte den Hauptbahnhof von Dharmavaram am 25. November nachts um den Karnataka Express nach Delhi zu nehmen. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, fand ich ihn merkwürdigerweise halb leer vor. Es war die Zeit, als Mr. V.P. Singh als Premierminister von Indien gewählt wurde. Da gerade Wahltag war, waren die meisten Menschen in ihren jeweiligen Heimatorten und wenige nur unterwegs. Ich stieg in eines der Abteile und setzte mich auf einen leeren Patz. Kein Fahrkarten-Kontrolleur kam in dieser Nacht. Vielleicht entspannten sie sich auch ein weinig, da der Zug fast leer war. Ich schlief diese Nacht selig und konnte am nächsten Tag meine Reservierung vornehmen. Ich konnte mir sozusagen meinen Sitzplatz aussuchen. Ich dankte Bhagavan in Gedanken für diese komfortable Reise, die ich ohne Reservierung genoss.

Als ich Delhi erreichte, geschah eine weitere Enthüllung. Meine Schwester, die Künstlerin war, eröffnete gerade eine Gemälde-Ausstellung. Aus irgendeinem Grunde war das Datum der Ausstellung verschoben worden, und zwar auf diesen Tag meiner Rückkunft. Hätte Bhagavan meine Abfahrt aus Puttaparthi nicht verschoben, wäre ich einen Tag früher abgefahren - entsprechend Seiner Anweisung in 15 Tagen zurückzufahren - hätte ich die Ausstellung meiner Schwester verpasst. Das hätte sie sehr enttäuscht. So also hatte ich wegen Zeitmangels unsere Residenz direkt für die Ausstellung verlassen und fuhr dann von dort direkt weiter zum Bahnhof um die Rückreise anzutreten. Wenn wir mit Bhagavan leben, rauben uns manchmal die verschiedenen ängstlich-machenden Unberechenbarkeiten die Nerven; aber wenn wir lernen, Seiner Weisheit zu vertrauen und Seine Ungewissheit lieben, dann sorgt Er für alles bis ins Detail.

Wenn wir uns unsere chaotische Welt heute anschauen, könnten wir glauben, dass Gott einen Plan hat, der aber hoffnungslos daneben gegangen ist. Das göttliche Mysterium enthüllt sich allmählich, nach und nach, Schritt für Schritt. Es ist wie ein Aktion-Krimi, in dem die Spannung erst nachlässt, wenn Du den ganzen Film zu Ende gesehen hast.

Wir sind wirklich mit großem Glück gesegnet, Zeitgenossen des lebenden und liebenden Avatars unseres Zeitalters zu sein. Es ist unsere Pflicht, Ihm zur Seite zu stehen und in Seiner glorreichen Mission mitzuhelfen.

Das Spiel ist Seins; die Rolle ist Sein Geschenk; der Text ist von Ihm geschrieben; Er ist der Direktor; Er entscheidet das Kostüm und das Dekor, die Gesten und den Ton, den Auftritt und den Abgang.

Wir müssen die Rolle spielen und Seinen Applaus bekommen, wenn der Vorhang fällt. Durch unsere Effizienz und unseren Enthusiasmus erhalten wir den Verdienst, höhere und höhere Rollen zu spielen - das ist der Sinn und Zweck des Lebens.  

-Mit freundlicher Genehmigung: “Hridaya Brindavan 2005)-
Engl.Original Titel vom April 2007


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