Auf dem Lehrerausbildungs-Seminar im April 2000 in Bad Wildungen hielt George Bebedelis aus Athen einen Vortrag über die Erziehungs-Lehre Platos auf dem Hintergrund von Sathya Sai Babas Programm der „Erziehung zu Menschlichen Werten (SSEMW)“.
Wir veröffentlichen hier den 2. Teil.
Rechtes Handeln im Inneren und Äußeren
Für eine Gemeinschaft kommt es nicht auf die große Anzahl von Menschen eines Volkes an, sondern auf ihre Integrität und Einheit. Wie Sai Baba immer wieder sagt: „Qualität, nicht Quantität.“
Um diese zu erreichen, ist besonders die Qualität der Erziehung bedeutsam, die, wie wir bereits sagten, rein erhalten werden muss; jede gefährliche Änderung oder Neuerung muss vermieden werden, „denn jede Änderung der spirituellen Erziehung hat auf die überaus wichtigen Gesetze der Gemeinschaft ihre Auswirkungen“ (424 c).
Die Kinder müssen gleich von Anfang an mit den richtigen, den moralischen Anforderungen entsprechenden Spielen vertraut gemacht werden, denn wenn die Spiele gesetzlos werden, ist es unmöglich, dass die Kinder zu gesetzestreuen, vorbildlichen Menschen heranwachsen. Es ist sogar so, dass, wenn die Kinder in rechter Weise spielen und ihre kulturelle Erziehung Recht und Ordnung in ihre Seelen pflanzt, Gesetzestreue sie in allem, was sie tun, begleitet und ihre Entwicklung bestimmt.
Auf diese Weise lernen sie gutes Benehmen, wie beispielsweise in Anwesenheit älterer Menschen zu schweigen, den Älteren ihren Platz zu überlassen, aufzustehen, wenn ältere Menschen den Raum betreten, sich um ihre Eltern zu kümmern, sowie um ihre eigene Haartracht, Kleidung, Schuhwerk und überhaupt um ihr gesamtes Auftreten (424 c - 425 b).
All diese Dinge müssen nicht gesetzlich festgeschrieben werden, denn sie ergeben sich als natürliche Folge aus der ersten spirituellen und moralischen Erziehung. Genauso ist es auch nicht nötig, besondere Gesetze und Regeln für all die kommerziellen Angelegenheiten zu verfassen, die die Menschen miteinander tätigen. Wenn die Bürger reinen Herzens sind und in Liebe zueinander stehen, ist die ganze Bürokratie völlig überflüssig (425 c, d, e).
Ein wahrer Gesetzgeber muss sich nicht mit solcherart Gesetzen abgeben, weder in einer schlecht noch gut geführten Gemeinschaft. Im ersteren Fall helfen sie nicht und bewirken nichts; im zweiten Fall sind all diese trivialen Gesetze nicht nötig, da sie sich automatisch aus dem guten Charakter ergeben, den die Bürger ja schon erworben haben (427 a).
Die wichtigsten, wertvollsten und grundlegenden Gesetze sind die, die festlegen, wie man Tempel baut, Opferriten durchführt und überhaupt, wie man den Göttern, Gottheiten und Helden huldigt, wie man Begräbnisse durchführt und all die Dienste, mit denen man diejenigen freundlich stimmt, die in die andere Welt hinübergegangen sind. All diese Dinge sind durch Apoll, den Gott des Lichts und der Musik, festgelegt, der seinen Sitz am Nabel der Welt hat; er ist unser väterlicher Führer (427 b, e).
Und somit ist nun die Idealgesellschaft gegründet, und Plato bestimmt ihre vier Grundelemente: Weisheit, Tapferkeit, Selbstdisziplin und Rechtes Handeln (427 e).
Weisheit ist die Wissenschaft von der rechten Unterscheidungskraft (428 b).
Tapferkeit ist die Fähigkeit, sich unter allen Umständen eine wahre und gesetzeskonforme Vorstellung von dem, was richtig und was falsch ist, zu bewahren. Keine Lust oder Pein, keine Furcht oder Begierde ist in der Lage, die Prinzipien, die die Idealbürger durch die rechte spirituelle und physische Erziehung tief in ihren Herzen verankert haben, zu ändern (430 b).
Selbstdisziplin ist die Beherrschung der Vergnügungen und Wünsche (430 e) und bedeutet Harmonie innerhalb derjenigen Teile der Gesellschaft, die in der Gemeinschaft herrschen sollten (432 a).
Und schließlich heißt Rechtes Handeln, seine eigenen Aufgaben zu erledigen und seine Pflicht zu erfüllen.
In der Bhagavadgîta steht geschrieben:
„Es ist besser, seine eigene Pflicht zu erfüllen, selbst wenn dies unvollkommen geschieht, als die eines anderen. Lieber bei der Erfüllung der eigenen Pflicht den Tod erleiden; die Pflicht des anderen ist voller Schrecken.“ (Bhg. 3-35)
Rechtes Handeln ist, wenn jede der drei Klassen (diejenige, die für die Lebensgrundlage arbeitet, die Klasse der Streitkräfte und die der Herrschenden) ihre eigene Aufgabe erfüllt und ihre Arbeit in der Gemeinschaft verrichtet (434 c).
Nun kommt Plato auf die Beantwortung der Frage nach dem Rechten Handeln des Einzelmenschen zurück. Wie er schon von Anfang an sagte, stellt die Gemeinschaft lediglich die Erweiterung des Einzelnen dar, und durch die Definition des Rechten Handelns in der Gemeinschaft können wir dieses auch bei einer Einzelperson definieren.
Die drei Klassen des Gemeinwesens entsprechen den drei Teilen im Wesen eines Menschen. Der erste ist der rationale Teil, der Intellekt (buddhi), der die Fähigkeit hat, zwischen gut und schlecht, Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden, zwischen dem, was bleibend und dem was vergänglich ist. Der zweite ist der bestätigende und unterstützende, der tapfere Teil, der ein Helfer des rationalen Teiles ist, es sei denn, er ist durch die Erziehung verdorben (441 a). Der dritte ist der begehrliche Teil, derjenige, der Sinne, Lust, Hunger, Durst verspürt und durch Wünsche und Vergnügungen erregt wird.
Da diese drei Seiten genau den drei Klassen des Gemeinwesens entsprechen, definiert Plato Rechtes Handeln genau seiner Analyse der Gemeinschaft entsprechend. Der rationale Teil hat das Recht, zu regieren, denn er ist der weise, der Teil, der die Gesamtheit der Seele im Auge hat. Der zweite, der bestätigende Teil, ist sein Unterstützer und Verbinder. Und wenn diese beiden Teile die richtige Erziehung erhalten haben, müssen sie sich des begehrlichen Teils, des unersättlichen und gierigen, annehmen (441 e - 442 a). Wenn jeder dieser Teile seine eigene Aufgabe erledigt und Harmonie zwischen ihnen herrscht, dann ist der Mensch gerecht.
Also ist Rechtschaffenheit die Harmonie des Denkens (die rationale Seite), des Wortes (die unterstützende Seite) und des Tuns (die begehrliche Seite).
Sai Baba sagt: „Der Körper ist wie eine Wasserblase, der Geist ist wie ein verrückter Affe, also folge nicht dem Körper, folge nicht dem Geist (mind), folge dem Gewissen.“
Der Körper ist der begehrliche Teil, und das Gewissen ist der rationale Teil. Der Teil, der die Herrschaft hat, der der Meister ist, muss immer das Gewissen sein, welches der rationale Teil ist.
Der wahre Philosoph, ein Freund des Guten
Plato fährt fort und sagt, dass für wahre Philosophen die einzige Lösung politischer und persönlicher Schwierigkeiten ist, Könige zu werden oder für amtierende Herrscher wahre Philosophen zu werden. Aber wer verdient es, ein Philosoph genannt zu werden?
Philosophen sind diejenigen, die das wahrnehmen, was dauerhaft und unveränderbar ist, und nicht jene, die sich in der Pluralität und Vielfalt verirrt haben. Diejenigen, die hinter der Vielfalt der schönen Dinge die Schönheit an sich sehen können, das Eine hinter dem Vielen, die Einheit in der Vielfalt. Satyam, Shivam, Sundaram - Wahrheit, Güte, Schönheit. Echte Wissenschaft ist das Wissen der Philosophen, das Wissen um das reine Sein. Das Wissen um die äußeren Dinge, die man mit den Sinnen sieht, ist falsches Wissen und kann keinesfalls Wissenschaft genannt werden; und auch die, die solches falsche Wissen haben, können nicht Philosophen genannt werden. Der wahre Philosoph liebt das Studium dessen, was ihm das wahrhaft Seiende enthüllt, das ewig ist, das jenseits des Geschaffenen und der Zerstörung oder irgendeiner anderen Veränderung liegt. Nichts zieht ihn mehr an als die Wahrheit. Er sehnt sich nur nach spirituellen Freuden und hat nichts mit den Freuden des Körpers und der Sinne zu tun. Er ist selbstbeherrscht und nicht an Geld interessiert. Er besitzt Weitblick und denkt über die Ewigkeit der Zeit nach und misst folglich dem Leben des Menschen keine große Bedeutung bei und er fürchtet den Tod nicht. Er ist moralisch gefestigt, sanft und hat gute Umgangsformen; er hat ein gutes Gedächtnis und einen angeborenen Sinn für Proportionen und Eleganz.
Der wahre Philosoph ist ein echter Freund der Weisheit, und er ist geboren, um nach dem wahren Sein (sat) zu streben, ohne von der Vielfalt all der äußeren Dinge, von denen man annimmt, sie seien wirklich, abhängig zu sein. Er schreitet fort mit seiner Liebe, die immer gleich stark und beständig ist, bis er mit dem Sein selbst vereint ist, mit dem Teil seiner Seele, der dem Sein verwandt ist. Und wenn er mit ihm verschmolzen ist, werden der Intellekt und die Wahrheit geboren; er verdient das wahre Wissen und führt ein aufrichtiges Leben, für immer frei von den Qualen der Geburt (490 a, b).
Das Gute
Nachdem er die Tugenden der wahren Philosophen behandelt hat, führt uns Plato zum Höhepunkt, zur Kenntnis des Guten (shivam).
Rechtes Handeln, Tapferkeit, Selbstkontrolle und alle die anderen Tugenden sind wirklich sehr wichtig, aber es gibt noch etwas Höheres. Das ist die Idee des Guten, Gott selbst, der wie die Sonne selbst ist, deren Strahlen die Tugenden sind.
Es ist völlig sinnlos Expertenwissen zu besitzen, wenn man das Wissen um das Gute nicht hat. Es bringt absolut keinen Vorteil, alles andere in der Welt zu besitzen, aber nicht das Gute (505 a -b). Danach sehnt sich jede Seele und unternimmt jede Anstrengung es zu besitzen. Viele Menschen stehen in dieser Beziehung im Dunklen, aber wir können es nicht zulassen, dass die besten Mitglieder unserer Gesellschaft, diejenigen, denen wir alles anvertrauen wollen, auch im Dunklen stehen. Aber was ist das Gute?
Sokrates erklärt sich selbst für unfähig, das Gute zu definieren, und bringt stattdessen ein Gleichnis vor, das Gleichnis mit der Sonne: So wie die Sonne die Quelle von Licht und Wachstum ist und für die Sicht und das Sehen verantwortlich und der Inbegriff des Sichtbaren ist, so ist das Gute die Quelle der Wahrheit und Wirklichkeit und ist verantwortlich für das Wissen um alle Ideen in der unsichtbaren Welt des höheren Verstandes. Um ein klares Bild des Guten zu vermitteln, führt Platon hier das berühmte Höhlen-Gleichnis an (514 a - 518 b):
„Stellt euch Menschen vor, die in einer unterirdischen Höhle leben; am fernen Ende der Höhle befindet sich ein Eingang, der in die äußere Welt führt. Sie befinden sich schon seit ihrer Kindheit darin, und ihre Beine und Hälse sind so angebunden, dass sie immer auf der gleichen Stelle sitzen müssen, was ihnen nur erlaubt geradeaus zu schauen und nicht gestattet, den Kopf zu drehen. In der Höhle, in größerer Entfernung über ihnen, brennt ein Feuer, und zwischen dem Feuer und den Gefangenen führt eine Straße aufwärts, an der sich eine niedrige Mauer befindet. Stellt euch nun noch vor, dass jenseits der Mauer Menschen sind, die verschiedenste Gegenstände herumtragen, die über die Mauer hinausragen. Einige dieser Menschen sprechen, andere sind stumm. Glaubt ihr, dass diese Gefangenen etwas anderes von sich selbst oder den anderen oder den Gegenständen sehen als die Schatten, die der Feuerschein auf die ihnen gegenüberstehende Wand wirft, da sie ja gezwungen sind zeitlebens den Kopf nicht zu drehen? Wenn sie nun miteinander sprechen könnten, glaubt ihr nicht, dass ihre Worte das Vorbeigetragene, das sie gesehen haben, benennen würden? Und wenn ihr Kerker einen Widerhall hätte, glaubt ihr nicht, wenn einer der Vorübergehenden spräche, sie meinen würden, dass der Klang von den vorübergehenden Schatten herkäme? Alles in allem also würden die Schatten jener Gegenstände die einzige Realität darstellen, die diese Menschen kennen.
Was würde geschehen, wenn sie von ihren Fesseln befreit und von ihrer Unwissenheit geheilt würden? Stellt euch vor, dass einer von ihnen plötzlich aufstehen, seinen Kopf drehen, zum Feuer hinübergehen und nachschauen würde. Es tut ihm zu weh, all dies zu tun, und er ist zu benommen, um fähig zu sein, all die Gegenstände auszumachen, auf deren Schatten er vorher geschaut hatte. Und wenn jemand ihm erzählen würde, dass das, was er die ganze Zeit gesehen habe, keine Substanz hätte und dass er jetzt genauer sähe … was glaubt ihr, was seine Reaktion wäre? Und wenn man ihm irgendeinen der vorüber ziehenden Gegenstände zeigte und er gefragt würde, was sie seien, wäre er sehr verwirrt. Er würde denken, dass in dem, was er vorher gesehen hatte, mehr Realität stecke als in dem, was er jetzt sieht. Und wenn man ihn zwingen würde, ins Feuer zu schauen, würde das seinen Augen wehtun, und er würde sich abwenden und zu den Schatten zurücklaufen. Er würde denken, dass die Schatten klarer sind als die realen Gegenstände. Und wenn jemand ihn mit Gewalt betäuben und in die Sonne hinauszerren würde, wäre er nicht in der Lage, auch nur ein einziges der realen Dinge zu sehen, weil seine Augen von den Sonnenstrahlen überwältigt wären. Er wäre nicht in der Lage, die Dinge auf der Erde zu sehen, bis er sich nicht an das Sonnenlicht gewöhnt hätte. Zunächst wären es nur Schatten, die er am leichtesten erkennen würde, dann würde er zu Spiegelbildern im Wasser weitergehen, und später wäre er dann in der Lage, die eigentlichen Dinge selber zu sehen. Als nächstes würde er die Augen auf den Himmel richten, leichter natürlich des Nachts, und er würde das Licht der Sterne und das des Mondes anschauen. Und erst zum Schluss wäre es ihm dann möglich, zu unterscheiden und die Augen bei Tageslicht auf die Sonne zu richten. Danach würde er begreifen, dass die Sonne der Ursprung der Jahreszeiten und des Jahreszyklus ist; dass die ganze sichtbare Welt mit ihr zusammenhängt und dass alles, was er gesehen hatte, durch die Sonne hervorgerufen wird. Und wenn er sich die Höhle, in der er ursprünglich gelebt hatte, und seine früheren Mitgefangenen ins Gedächtnis zurückriefe, würde er sich über seine neue Lage freuen und jene bedauern. Und wenn er wieder in sein unterirdisches Verlies zurückginge, sich auf den gleichen Platz setzte, würden seine Augen wegen des plötzlichen Wechsels aus dem Sonnenlicht von der Dunkelheit überwältigt werden. Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten mit jenen wetteifern würde, die immer dort gefangen gewesen waren, würden sie ihn auslachen. Sie würden sagen, dass er von seiner Reise nach oben mit verdorbenen Augen zurückgekommen sei und dass es sich nicht lohne, auch nur zu versuchen dort hinaufzukommen. Und wenn jemand versuchen würde, sie zu befreien und nach oben zu bringen, würden sie ihn ergreifen - wenn sie es könnten - und ihn töten.
Dieses Gleichnis müsst ihr aber nun auf das übertragen, was wir vorher besprochen haben. Der für uns sichtbare Teil sollte gleichgesetzt werden mit dem Höhlengefängnis, dem Feuerschein dort und dem Sonnenlicht. Ihr solltet die Reise nach oben und den Anblick der Dinge auf der Erde als das Aufsteigen des Geistes in die spirituelle Welt betrachten. Das Letzte, was man im spirituellen Reich sieht, ist das an sich Gute, und der Anblick des Guten führt zu der Erkenntnis, dass dieses für alles, was gut und richtig ist, verantwortlich ist. In der sichtbaren Welt ist das Gute der Hervorbringer des Lichts und die Quelle des Lichts, und im geistigen Reich ist das Gute die Quelle und der Spender der Wahrheit und des Wissens. Sein Anblick ist die Grundvoraussetzung für Rechtes Handeln, sei es nun in eigenen oder öffentlichen Angelegenheiten (514 a - 517 c).