Juni 2007 - Jahrgang 1 - 6. Ausgabe


spacer

 

Platos Lehre über Erziehung (3. Teil)


Auf dem Lehrerausbildungs-Seminar im April 2000 in Bad Wildungen hielt George Bebedelis aus Athen einen Vortrag über die Erziehungs-Lehre Platos auf dem Hintergrund von Sathya Sai Babas Programm der „Erziehung zu Menschlichen Werten (SSEMW)“.

Wir veröffentlichen hier den 3. Teil.

Die wirkliche Wahrheit
Das Licht der Sonne

Erziehung ist die Hinwendung der Seele zum Licht des Guten.

Nach dieser wunderbaren Höhlen­allegorie und der Beschreibung des Aufstiegs der Seele zum An-Sich­Guten stellt Platon fest, dass dies das wirkliche Ziel der Erziehung sei. Er sagt: „Erziehung bedeutet nicht, Erkenntnis in eine Seele zu pfropfen, wenn keine Erkenntnis in der Seele sei, so als setzte man Licht in blinde Augen ein. Die Fähigkeit zur Erkennt­nis ist in jeder Seele vorhanden, und so wie sich ein Auge von der Dunkelheit zum Licht hinwendet, so muss sich die Seele von der Welt des Werdenden dem Seienden selbst zuwenden, bis sie fähig wird, das Glänzendste unter dem Seienden, das wir das Gute-An-Sich nennen, sehen zu können. Das sollte Erziehung sein, die Kunst der Orientierung. Erzieher sollten die einfachsten und wirkungsvollsten Methoden entwickeln, um den Geist zum Licht hinzuwenden. Das Sehen soll nicht eingepflanzt werden, denn es besitzt schon diese Fähigkeit, sondern seine Ausrichtung sollte korrigiert werden, weil es jetzt noch nicht die richtige Blickrichtung hat." (518c - d)

Sai Baba sagt das Gleiche auf schlichte Weise so:

 „Erziehung soll nicht Information sein, Erziehung soll Transformation sein.“

Der Aufstieg der Seele zu dem Sei­enden beginnt mit Musik und Gymnastik, wie wir in Kapitel 1 schon gesehen haben. Aber für die Vollen­dung der Reise zum Guten bedarf es einer höheren Erziehung: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Harmo­nie. Und schließlich, nachdem der Geist durch diese geschärft wurde, ist er für die höchste der Künste, die Dialektik, bereit. Vielleicht sollten wir hier fragen, wie diese Künste, die sich mit der Welt des Werdenden befassen, der Seele zum spirituellen Aufstieg, zur Welt des Seienden, verhelfen können. „Das Studieren dieser Künste reinigt das Organ des höheren Intellekts, den jeder hat, während die Beschäftigung mit anderen Din­gen ihn verdirbt und blind macht. Dieses Organ ist tausendmal kostbarer als jedes Auge, denn das ist das einzige Organ, das die Wahrheit sehen kann." (527 e)

Die wahre Wissenschaft ist nicht das Wissen der weltlichen Welt, sondern sie ist die Spiritualität, die Wissenschaft von dem Seienden, das jenseits von Zeit und Raum ist.

Wie können die oben erwähnten Künste zu diesem Wissen beitragen? Plato sagt über Astronomie: „Es gibt in der sichtbaren Welt nichts Schöneres als diese Verzierungen am Himmel. Aber da sie sich im sichtbaren Reich befinden, sollte man sie gegen­über der wahren Schönheit als weit minderwertiger betrachten ... Daher sollen wir die himmlischen Verzierungen nur als Hilfsmittel benutzen, die uns helfen, das unsichtbare Reich des Göttlichen zu sehen ... Wenn wir unser Auge nicht vor den Himmelskörpern verschließen, werden wir uns nie mit der wahren Astronomie befassen, und wir werden niemals die unserer Seele eingeborene Intelligenz entwickeln." (529 c - 530 b) Wir sehen, dass für Plato der wahre Gewinn der Beschäftigung mit der materiellen Welt nicht darin besteht, in die­ser fest zu hängen, sondern durch sie erweckt zu werden, die göttliche Wirklichkeit, die jenseits der weltlichen Erscheinungsbilder liegt, zu erkennen. Das Ziel ist es, mit dem inneren Auge der Weisheit die göttliche Schönheit zu sehen, die hinter der weltlichen Schönheit liegt; den höchsten Gipfel zu erreichen und das Gute selbst zu sehen. Die Dialektik ist das Letzte.

Dialektik ist die höchste Fähigkeit, zwischen dem, was real und nicht real ist, zu unterscheiden, zwischen dem, was bleibend, und dem, was vergänglich ist (Dialektik = viveka). „Derjenige, der die Dialektik ohne jeglichen Einsatz der Sinne gebraucht, erreicht den Gipfel der geistigen Welt. Er erfasst mit seinem Geist die Idee des Guten selbst, so wie der Gefangene aus der Höhle beim höchsten Punkt der sichtbaren Welt, nämlich der Sonne, ankommt. (532 a - b) Die Dialektik reißt die Dinge mit den Wurzeln aus, die noch für selbstverständlich gehalten werden, und führt zum Höchsten. Sie führt sanft das Auge des Geistes aus dem Schlamm heraus, in dem es noch begraben liegt, und führt es aufwärts. (533 d)

Also nimmt die Dialektik den höch­sten Platz ein und ist die Krönung des Lehrplans. Es gibt keine höhere Kunst als diese, und folglich schließt die Dialektik das Erziehungsprogramm ab." (534 e)

Epilog

In den vorauf gegangenen Kapiteln sahen wir, kurz zusammengefasst, das Erziehungsprogramm, das Plato für eine ideale Gesellschaft entwirft. Es ist genau das gleiche wie das, das Sathya Sai Baba mit seinem Programm „Erziehung zu Menschlichen Werten" in der ganzen Welt einge­richtet hat.

Die Grundlage dieses Programms ist Selbstbewusstheit, das heißt, der feste Glaube an die spirituelle Natur des Menschen, der Glaube, dass sein wahres Selbst das Göttliche Selbst ist, Atman, der im Gefährt von Körper und Geist wohnt. Das Ziel der Erziehung ist es, den Menschen an diese seine göttliche Natur zu erinnern. Das meint Swami, wenn er sagt:

„Das wahre Studium des Menschseins ist es, den Menschen zu studieren ."

Um dieses göttliche Ziel zu erreichen, muss der Mensch die Wohnstatt seines Lebens mit den Mauern von Selbstzufriedenheit errichten, das heißt, er muss lernen, sein Glück in seinem inneren Selbst zu finden. Dann muss er das Dach aus Selbstopferung darüber bauen. Wenn er in seinem wahren spirituellen Selbst ruht, kann er Äußerlichkeiten dem Wohle seiner Mitmenschen opfern. Dann wird in seiner Wohnstatt das Licht der Selbstverwirklichung, das Licht des Guten, leuchten.

Anhang

Oft spricht Sai Baba in seinen Reden über Sokrates, Plato und Aristoteles. Hier folgt ein Auszug aus einer Rede, die von Bhagavan Shri Sathya Sai Baba für die Fakultät und Studenten des Shri Sathya Sai-Instituts für höhere Bildung in Prashanti Nilayam gehalten wurde.

„Sokrates bewegte sich auf dem Pfad des Pariprashna, indem er Fragen stellte und diese beantwortete. Dies gab der ganzen Jugend Mut. Was sind die Merkmale eines Herrschers? Welche guten Eigenschaften und Gewohnheiten sollen wir haben? Welchen moralischen Grundsätzen sollte er folgen? Welche Art von Hingabe sollte er haben? Er fragte nach all diesen Dingen. Er regte die jungen Menschen an, über all diese Dinge nachzudenken, und sie kamen schließlich zu dem Schluss, dass ein Mensch ohne diese guten Eigenschaften nicht geeignet sei, die Position eines Herrschers einzunehmen. Er sollte Gott lieben. Man kam zu dem Schluss, dass die jungen Menschen für ihr Land kämpfen sollten. Die Herrscher seiner Zeit waren sehr verärgert darüber und beschlossen daher, Sokrates zum Tode zu verurteilen. Das Gute stößt immer auf solche Hindernisse. Die Entscheidung war endgültig. Niemand konnte sie ändern. Sokrates entschied, dass es besser sei, in den Händen seiner Anhänger zu sterben, als in denen der Herrscher.

Der wichtigste Schüler des Sokrates war Plato. Plato war eine sehr einflussreiche Persönlichkeit. Er bemühte sich, die Lehren des Sokrates über die ganze Welt zu verbreiten. Er lehrte, dass für diese Welt drei Dinge notwendig seien: Wahrheit, das Gute und Schönheit. Was ist Schönheit? Schönheit hat nichts mit dem Körper zu tun. Selbstlosigkeit ist Schönheit. Ein Mensch, der selbstlos arbeitet, ist der schönste Mensch. Diese drei nennt man auch Nishcala (Beständigkeit), Nirmala (Reinheit), Nisvartha (Selbstlosigkeit).

Aristoteles, der Schüler Platos, hatte gute Kenntnisse der indischen Kultur. Er nahm diese drei Wörter Platos und wandelte sie in SatyamShivamSundaram um. Er lehrte die Welt, dass Satyam (Wahrheit), Shivam (das Gute) und Sundaram (Schönheit) sehr wich­tig sind. Diese drei sind auch der Kern der Lehre von Satya Sai.

Satyam: die Wahrheit sprechen, Shivam: Mangala (Glück, Segen, Güte). Was heißt Güte? Selbstlosigkeit ist Güte. Wenn etwas selbstsüchtig ist, wird es Amangala (Nicht-Güte). Dann folgt Sundaram: Schönheit. Wann ist etwas schön? Alles ist schön, wenn da keine Spur von Anbindung ist. Plato hat alle diese Dinge entwickelt. Wenn ein Land so entwickelt ist, dann können sich die Menschen der Früchte dieser Entwicklung erfreuen. Die Kultur, die Plato und andere für sich angenom­men hatten, ist auch die Bharatiya­Kultur."

 

Bibliographie

1. Platos Republik

a) Griechische Übersetzung von Ioannis Gryparis, Ausgabe I. Zacharopoulos, Athen

b) Englische Übersetzung von Robin Waterfield, Oxford University Press 2. Eugen Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens, Otto Wilhelm Barth Verlag, 1975

2. Sathya Sai Baba, Man Management, Divine Discourses to the Faculty and Students of The School of Business Management, Accounting and Finance, Shri Sathya Sai Institute of Higher Learning, Prashanti Nilayam.


H2H Magazin - Deutsche Ausgabe - Kontakt und Impressum

 

spacer