Juli 2007 - Jahrgang 1 - 7. Ausgabe

 

WERTE IN DER ÖKONOMIE

IM GRIECHISCHEN DENKEN

George Bebedelis - Athen, Griechenland - Februar 2007

TEIL I

EINFÜHRUNG

Ökonomie wird definiert als eine Gruppe menschlicher und sozialer Aktivitäten und Institutionen, die sich auf Produktion, Verteilung, Austausch und Verbrauch von materiellen Gütern und Dienstleistungen bezieht. Ihr Ziel ist, für die materiellen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen zu sorgen, sodass das Wohlergehen der Gesellschaft gesichert ist. Infolgedessen wird die Wissenschaft der Ökonomie als materielle Wissenschaft betrachtet, die nicht direkt mit höheren und edleren Lebens-Zielen verbunden sei.

Der Zweck dieses Papiers ist es, eine innere Dimension dieser fundamentalen sozialen Wissenschaft vorzustellen und ihren Bezug zu Spiritualität und den Menschlichen Werten herauszuarbeiten, im Wesentlichen unter Zuhilfenahme der alten griechischen Philosophie.

Bhagavan Baba hat in seiner Segens-Ansprache zur 25. Versammlung des SSSIHL (Sri Sathya Sai Institute of Higher Learning) am 22. November dieses Jahres eine schöne Geschichte über den berühmten Telugu-Poeten des 16. Jahrhunderts, Tenali Ramakrishna, erzählt. Als Pointe dieser Geschichte hob Er hervor:

„Die Menschen heute lesen viele Bücher, ohne dass sie die wahre Bedeutung der Wörter kennen. Aber in den alten Zeiten kannten die Leute die Bedeutung von jedem Wort, das sie studierten … Jemand, der die Bedeutung von jeder Silbe, jedem Wort und jedem Satz kennt, ist ein wahrer Poet … Sogar die Lehrer heute lehren nur die weltliche Bedeutung der Wörter, aber keiner gibt ihre moralische, ethische und spirituelle Bedeutung. Es ist die Verantwortung der Lehrer, das Wissen zu säen, welches zu den moralischen, ethischen und spirituellen Prinzipien gehört. Das ist wahre Erziehung.“

Diesem Rat Bhagavans folgend möchte ich beginnen, indem ich die Etymologie des Wortes ‚Ökonomie’ erläutere, das aus dem Griechischen kommt. Das griechische Wort ‚oikonomia’ ist ein zusammengesetztes Wort, abgeleitet aus ‚oikos’ (Haus) und ‚nomos’ (Gesetz, Ordnung, Gerechtigkeit). Das Wort ‚nomos’ ist vom Verb ‚nemein’ abgeleitet, welches ursprünglich ‚verteilen’ bedeutet. Die Verteilung von Gütern, Dienstleistungen, Verantwortlichkeiten und Pflichten ist die Hauptaufgabe eines Herrschers, deshalb hat das Wort außerdem die Bedeutung von managen und verwalten. Also ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Ökonomie (Oikonomia) ‚Verwaltung des Haushalts’. Jedoch hat das Wort ‚oikos’ im Griechischen auch öfter eine breitere Bedeutung, wie Gesellschaft, Nation oder Vaterland. In diesem weiteren Sinn also schließt Ökonomie auch einen Kanon von Regeln, Gesetzen und Werten ein, durch die eine richtige Verwaltung der Gesellschaft sichergestellt wird.

Im Lateinischen ist das Wort für Gesetz ‚moris’, wovon das Wort ‚Moral / Moralität’ abgeleitet ist. Von daher kann das Wort Ökonomie, d.h. ‚Oikos’ (Haus, Gesellschaft) + ‚nomos’ (Gesetz, Moral) auch übersetzt werden als ‚Moralität in der Gesellschaft’. In diesem Zusammenhang gesehen sollte Ökonomie also nicht nur auf Geld und materielle Güter bezogen werden, sondern in der Hauptsache auf Gesetz und Moralität. Lasst uns hier daran erinnern, was Bhagavan Baba uns oft ins Gedächtnis ruft:

„Geld kommt und geht, Moral kommt und wächst.”

Er betont auch, dass wir beachten sollen: „Pāpa bhīti, Sangha nīti, Daivam prīti" (Furcht vor der Sünde, Moral in der Gesellschaft und Liebe zu Gott.)

 

1. Individuelle und soziale Ökonomie

Im Licht der obigen Analyse ist Ökonomie direkt mit Gerechtigkeit und Moral verbunden. Also ist es sehr wichtig, gründlich dem Begriff der Gerechtigkeit nachzuforschen. Zu diesem Zweck möchte ich gern in die alte griechische Philosophie zurückgehen und einige wichtige Aspekte aus der Lehre Platos vorbringen, der untrennbar mit seinem geliebten Lehrer Sokrates verbunden ist. Sokrates hat nichts aufgeschrieben und seine Lehre ist in den Dialogen zu finden, die von seinem hervorragenden Schüler Plato aufgeschrieben worden sind. In allen seinen Dialogen spricht Sokrates, Plato erwähnt seinen eigenen Namen nirgends, was seine tiefe Demut und Hingabe zu seinem geliebten Guru zeigt. Der verehrte Lehrer verdient diese Liebe nicht nur wegen seiner weisen Lehre, sondern am meisten und hauptsächlich wegen seines persönlichen Beispiels. Swami hat uns diesen großartigen Spruch gegeben:

ZUERST SEI - DANN TU’- DANN SPRICH

Sokrates war so ein göttlicher Guru, der schließlich sein Leben opferte um seinen Worten, seiner Liebe zu der Wahrheit, Güte und Schönheit (Satyam Sivam Sundaram) treu zu bleiben.

Als Hauptquelle für die Lehre von Sokrates/Plato über Gerechtigkeit werden wir den berühmten Dialog Platos ‚Republik’ nehmen, der etwa um 375 vor Christus geschrieben wurde. Das Hauptziel dieser Schrift ist zu untersuchen, was Gerechtigkeit wirklich ist. Deshalb trägt dieser Dialog den Untertitel „Über Gerechtigkeit / Rechtschaffenheit”. Die fundamentale These von Sokrates ist, dass der rechtschaffene Mensch, der Mensch, der Rechtschaffenheit und Moral folgt, glücklich ist. Die Sichtweise, die die meisten Menschen haben, dass der rechtschaffene Mensch unglücklich sei, weil die andern ihn vielleicht nicht gut behandeln, ist vollkommen falsch. Er sagt:

„Eine moralische Person ist glücklich, wohingegen eine unmoralische Person unglücklich ist.” (Platos Republik 354a)

Um dies zu beweisen, verwendet er eine brillante Idee. Er betrachtet eine Stadt als die Erweiterung eines Individuums und beginnt seine Untersuchung bei der Stadt, wo man den Begriff der Gerechtigkeit leichter untersuchen kann. Dann geht er zurück und definiert, was Gerechtigkeit beim Individuum bedeutet.

„Lasst uns zuerst sehen, was Gerechtigkeit in den Städten bedeutet und dann können wir es auch bei den Individuen untersuchen, indem wir die Widerspiegelung der größeren Einheit in den Zügen der kleineren sehen.” (ibid. 369a)

Plato teilt die Gesellschaft in drei Klassen auf. A) Philosophen / Herrscher, B) Krieger und C) die arbeitende Klasse: Händler, Landarbeiter, Handwerker, Bauarbeiter, Angestellte, Diener. Diese Unterteilung gleicht dem Prinzip des VarnaDharma im Hinduismus, d.h. den vier Klassen: Brahmanas, Kshatriyas, Vaisyas und Sudras. Die Philosophen entsprechen den Brahmanen, die Krieger den Kshatriyas und die arbeitende Klasse den Vaisyas und Sudras.

Einen Beruf nach eigenem Wusch und Fähigkeit zu wählen ist eine allgemeine Erscheinung in den zivilisierten Gesellschaften. In der PurushaSukta im Rig Veda wird das Varna Dharma in höchst poetischer und symbolischer Sprache beschrieben:

 

„Brāhmano'sya mukhamāsīt ׀ bāhū rājanyah kritah ׀

ūrū tadasya yad vaiśayh ׀ padbhyāgm śudro ajāyata ׀׀

 

Die Brahmanen kamen aus dem Gesicht von Purusha,

Die Kshatriyas aus Seinen Armen,

Die Vaisyas aus Seinen Lenden und

Die Sudras aus Seinen Füßen.“

In diesen Versen werden die Gesellschaftsklassen beschrieben als Glieder am Körper Gottes. Die Hände und Füße sind genauso wichtig wie die Lenden und der Kopf. Wenn es Streit unter den verschiedenen Klassen gibt, welche überlegen sei, dann wird das ganze soziale Gefüge leiden. Dann gibt es Disharmonie, Spaltung und Zwietracht. Jede Person hat eine bedeutende Fähigkeit und eine besondere Weise, zum Wohl der gesamten Gemeinschaft beizutragen. Sie/Er soll diese Funktion ausführen ohne sich in die Domänen der anderen einzumischen. Wenn alle Individuen sich nach diesem Prinzip richten und mit ihren Mit-Bürgern in Liebe und gegenseitigem Verständnis kooperieren, dann wird Harmonie, Einheit und Glück in der Gesellschaft herrschen. Das soziale Gebäude ist auf dem Prinzip von rechter Verteilung und Erfüllung der eigenen Pflicht aufgebaut. Um dies zu erreichen sollte jede Klasse entsprechend ihrer Natur mit einer fundamentalen Tugend ausgestattet sein.

Die Philosophen, die die Pflicht haben, die Könige zu leiten oder selbst Könige zu sein, sollten mit Weisheit und Unterscheidungsfähigkeit ausgestattet sein. Die Krieger, die die Herrschenden unterstützen und die Gesellschaft schützen, sollten mit der Tugend der Tapferkeit ausgestattet sein. Tapferkeit ist die Fähigkeit, unter allen Umständen eine wahre und gesetzestreue Vorstellung zu haben, was richtig und was falsch ist. Kein Vergnügen, kein Schmerz, keine Furcht und kein Verlangen kann die Prinzipien ändern, die die idealen Krieger tief in ihren Herzen bewahren und die sie durch die richtige spirituelle und physische Ausbildung entwickelt haben. Die arbeitende Klasse sollte mit der Tugend der Selbst-Disziplin ausgestattet sein. Selbst-Disziplin ist die Kontrolle über die sinnlichen Freuden und Verlangen.

Schließlich wird Gerechtigkeit (Rechtes Handeln) definiert als der Zustand, in dem jede der drei Klassen ihre eigene Funktion ausführt und ihrer eigenen Beschäftigung in der Gesellschaft nachgeht. In der Bhagavad Gita wird gesagt:

„Die eigene Pflicht unvollkommen wahrzunehmen, ist besser als die eines anderen vollkommen wahrzunehmen. Lieber den Tod in der eigenen Pflicht; die Pflicht des anderen ist voller Furcht.“ (Bhagavad Gita, 3-35)

Wie zuvor erwähnt, kommt das Wort ‚nomos’ in Ökonomie von dem Verb ‚nemein’, welches ‚verteilen’ bedeutet. Also kann man soziale Ökonomie definieren als die Verteilung der Pflichten in einer Gesellschaft (beruhend auf den Fertigkeiten, Fähigkeiten und Dispositionen einer Person), was nach Plato gleichbedeutend mit Gerechtigkeit in einer Gesellschaft ist.

Parallel zu den drei Klassen in der Gesellschaft gibt es drei Teile im Individuum: Der erste ist der rationale Teil, das Gewissen oder der Intellekt (buddhi) , der die Kapazität hat zwischen richtig und falsch, zwischen wahr und unwahr, zwischen beständig und vorübergehend zu unterscheiden. Der zweite ist die Willenskraft des Verstandes, welche ein Hilfsmittel des Intellektes ist, es sei denn, er ist korrumpiert durch schlechte Erziehung. Der dritte Teil ist der verlangende, d.h. der Körper, der Lust, Hunger und Durst verspürt und generell durch Verlangen und sinnliche Vergnügen erregt ist

Diese drei Teile mögen mit den drei gunas korrespondieren. Sattva korrespondiert mit dem rationalen Teil, rajas mit der Willenskraft (der heldischen Qualität) und tamas mit dem Teil, der nach Vergnügen und Untätigkeit verlangt.

Die gleichen Tugenden, die in den drei Klassen in der Gesellschaft anwesend sei sollten, sollten auch in den drei Teilen des Individuums anwesend sein. Weisheit ist die Tugend des rationalen Teils, sie hat das Recht zu herrschen und sich um das Ganze des menschlichen Wesens zu kümmern. Der Verstand sollte ihr Assistent und Verbündeter sein und daher mit Tapferkeit und Willenskraft ausgestattet sein. Selbst-Disziplin sollte die Tugend des Körpers sein, die wiederum dem Gewissen und der Willenskraft gehorchen sollte.

In der gleichen Weise wie soziale Gerechtigkeit (Rechtschaffenheit/Rechtes Handeln) definiert war, dass nämlich jedes Glied der Gemeinschaft seine eigenen Pflichten erfüllt, wird individuelles Rechtes Handeln (was ja das ursprüngliche Ziel von Platos Analyse war) definiert als Erfüllung der eigenen Pflicht eines jeden Teiles.

„Rechtes Handeln (Gerechtigkeit) wird nicht bezogen auf die äußeren Aktivitäten des Menschen, sondern seine Sphäre ist die innere Aktivität einer Person. Es bedeutet, den eigenen Seelenteilen nicht die Arbeit tun lassen, die nicht die eigene ist oder sich in die Arbeit von jemand anderen einzumischen. Man muss sein eigenes Haus (ecos) in Ordnung (nomos) bringen und sein eigener Meister und Freund werden. Man muss die drei Teile der eigenen Seele in Einklang bringen, als ob sie die drei Grundtöne einer Oktave wären – tief, hoch und mittel – und eine Harmonie daraus kreieren und sich aus den vielen zu einem machen, selbst-diszipliniert und innerlich ausgewogen.“ (Republik, 443 c9-e2)

Innere Rechtschaffenheit ist Harmonie und Zusammenklang der drei Teile des Individuums unter der Herrschaft des Gewissens. Dies ist genau das, was Swami oft rät:

„Der Körper ist wie eine Wasserblase-

Der Verstand ist wie ein verrückter Affe.

Folge nicht dem Körper-

Folge nicht dem Verstand:

Folge dem Gewissen!”

 

Wir wollen uns noch einmal erinnern, dass ‚ecos’ aus dem Wort ‚Ökonomie ‚Haus’ bedeutet und ‚nomos’ außer Gesetz und Ordnung ursprünglich: ‚Verteilung’. Also können wir nun Individuelle Ökonomie definieren als: Ordnung herstellen in seinem eigenen Selbst (durch die Verteilung der entsprechenden Pflichten unter den drei Teilen des Individuums), was zugleich innere Rechtschaffenheit bedeutet.

2. Der wahre Philosoph – ein Liebhaber des Guten  

Die oben erwähnte Einheit von Individuum und Gesellschaft kann durch die geeignete Erziehung erreicht werden, die Plato detailliert erklärt. Dieses Erziehungs-Programm vermittelt den jungen Studenten die Werte der Wahrhaftigkeit, Selbst-Disziplin, Mut, Furchtlosigkeit vor dem Tod, Gleichmut, Tapferkeit, Gehorsam, Ausdauer, Standfestigkeit, Hingabe an Gott. So erzogen wird der Mensch zu einem wahren Philosophen, vorbereitet zum Führer (engl.: governor) der Gesellschaft.

Darüber hinaus betont Plato, dass die einzige Lösung für politische und persönliche Schwierigkeiten die ist, dass Philosophen zu Königen werden und Herrscher zu wahren Philosophen werden. Wahre Philosophen sind die, die Das erkennen, was permanent ist und unwandelbar und nicht jene, die inmitten der Pluralität und Vielfalt verloren sind; jene, die die Schönheit Selbst schauen hinter der Vielfalt der schönen Dinge, das Eine hinter den Vielen. Wahres Wissen ist das Wissen über das Reine Sein. Die Kenntnis der äußeren Dinge, die mit den Sinnen wahrgenommen werden, ist falsch und kann in keiner Weise Wissen genannt werden; und die, die dieses falsche Wissen haben, können auch in keiner Weise Philosophen genannt werden. Der wahre Philosoph liebt das Studium, das Die Wirklichkeit enthüllt, die ewig ist, jenseits von Entstehung und Zerstörung oder irgendeiner Veränderung. Er findet nichts Attraktiveres als die Wahrheit. Er sehnt sich nur nach spirituellem Vergnügen und hat nichts zu tun mit den Vergnügungen des Körpers und der Sinne. Er besitzt Selbst-Kontrolle und hat kein Interesse an Geld. Er besitzt Weite in der Vision und kontempliert über die Ewigkeit von Zeit, so misst er dem menschlichen Leben nicht viel Bedeutung bei und er fürchtet den Tod nicht. Er ist moralisch, sanft und hat gute Manieren; er hat ein gutes Gedächtnis und einen Sinn für Proportionen und Eleganz (Rep. 484a – 487a).

„Der wahre Philosoph ist ein wahrer Liebhaber der Weisheit, und er ist geboren nach dem Reinen Sein (Sat) zu streben ohne gebunden zu sein an die Vielfalt all dieser äußeren Dinge, die als real angenommen werden. Er geht voran mit intensiver und stetiger Liebe in seinem Herzen, bis er mit dem Wesen Selbst vereint ist, mit dem Teil seiner Seele, der verwandt mit Ihm ist. Und wenn er mit Ihm vereint ist, dann werden Intelligenz und Wahrheit geboren; er hat das wahre Wissen erlangt und lebt ein wahres Leben, für immer befreit von den Schmerzen der (Wieder-) Geburt.“ (Platos Republik, 490 a-b)

Nachdem die Tugenden des wahren Philosophen aufgezählt worden sind, führt uns Plato zu dem äußersten Ziel, welches das Wissen um die Güte ist. Rechtschaffenheit, Tapferkeit, Selbst-Kontrolle und all die anderen Tugenden sind fürwahr sehr wichtig, aber es gibt noch etwas Höheres. Das ist die Idee der Güte; das Gute, das wie die Sonne ist, deren Strahlen die (anderen) Tugenden sind.  

„Es macht überhaupt keinen Sinn von allem Experten-Wissen (Spezialwissen) zu haben, aber das Wissen über die Güte nicht. Es bringt keinen Vorteil, alles auf dieser Welt zu besitzen, nur die Güte nicht.“(Republik, 505a-b)

Güte ist das, wonach jede Seele sich sehnt und mit aller Anstrengung erwerben will. Viele Menschen bleiben darüber in der Dunkelheit, aber Plato betont, dass man nicht zulassen kann, dass die besten Mitglieder der Gesellschaft, die, denen alles anvertraut ist, gleichermaßen in der Dunkelheit sind. Um ein klares Verständnis zu geben, was Güte ist, benutzt Plato das Höhlengleichnis.

Er sagt: „Stellt euch Menschen vor, die in einer unterirdischen Höhle leben; am fernen Ende der Höhle befindet sich ein Eingang, der in die äußere Welt führt. Sie befinden sich schon seit ihrer Kindheit darin, und ihre Beine und Hälse sind so angebunden, dass sie immer auf der gleichen Stelle sitzen müssen, was ihnen nur erlaubt geradeaus zu schauen und nicht gestattet, den Kopf zu drehen. In der Höhle, in größerer Entfernung über ihnen, brennt ein Feuer, und zwischen dem Feuer und den Gefangenen führt eine Straße aufwärts, an der sich eine niedrige Mauer befindet. Stellt euch nun noch vor, dass jenseits der Mauer Menschen sind, die verschiedenste Gegenstände herumtragen, die über die Mauer hinausragen. Einige dieser Menschen sprechen, andere sind stumm. Glaubt ihr, dass diese Gefangenen etwas anderes von sich selbst oder den anderen oder den Gegenständen sehen als die Schatten, die der Feuerschein auf die ihnen gegenüberstehende Wand wirft, da sie ja gezwungen sind zeitlebens den Kopf nicht zu drehen? Wenn sie nun miteinander sprechen könnten, glaubt ihr nicht, dass ihre Worte das Vorbeigetragene, das sie gesehen haben, benennen würden? Und wenn ihr Kerker einen Widerhall hätte, glaubt ihr nicht, wenn einer der Vorübergehenden spräche, sie meinen würden, dass der Klang von den vorübergehenden Schatten herkäme? Alles in allem also würden die Schatten jener Gegenstände die einzige Realität darstellen, die diese Menschen kennen.

Was würde geschehen, wenn sie von ihren Fesseln befreit und von ihrer Unwissenheit geheilt würden? Stellt euch vor, dass einer von ihnen plötzlich aufstehen, seinen Kopf drehen, zum Feuer hinübergehen und nachschauen würde. Es tut ihm zu weh, all dies zu tun, und er ist zu benommen, um fähig zu sein, all die Gegenstände auszumachen, auf deren Schatten er vorher geschaut hatte. Und wenn jemand ihm erzählen würde, dass das, was er die ganze Zeit gesehen habe, keine Substanz hätte und dass er jetzt genauer sähe … was glaubt ihr, was seine Reaktion wäre? Und wenn man ihm irgendeinen der vorüber ziehenden Gegenstände zeigte und er gefragt würde, was sie seien, wäre er sehr verwirrt. Er würde denken, dass in dem, was er vorher gesehen hatte, mehr Realität stecke als in dem, was er jetzt sieht. Und wenn man ihn zwingen würde, ins Feuer zu schauen, würde das seinen Augen wehtun, und er würde sich abwenden und zu den Schatten zurücklaufen. Er würde denken, dass die Schatten klarer sind als die realen Gegenstände. Und wenn jemand ihn mit Gewalt betäuben und in die Sonne hinauszerren würde, wäre er nicht in der Lage, auch nur ein einziges der realen Dinge zu sehen, weil seine Augen von den Sonnenstrahlen überwältigt wären. Er wäre nicht in der Lage, die Dinge auf der Erde zu sehen, bis er sich nicht an das Sonnenlicht gewöhnt hätte. Zunächst wären es nur Schatten, die er am leichtesten erkennen würde, dann würde er zu Spiegelbildern im Wasser weitergehen, und später wäre er dann in der Lage, die eigentlichen Dinge selber zu sehen. Als nächstes würde er die Augen auf den Himmel richten, leichter natürlich des Nachts, und er würde das Licht der Sterne und das des Mondes anschauen. Und erst zum Schluss wäre es ihm dann möglich, zu unterscheiden und die Augen bei Tageslicht auf die Sonne zu richten. Danach würde er begreifen, dass die Sonne der Ursprung der Jahreszeiten und des Jahreszyklus ist; dass die ganze sichtbare Welt mit ihr zusammenhängt und dass alles, was er gesehen hatte, durch die Sonne hervorgerufen wird. Und wenn er sich die Höhle, in der er ursprünglich gelebt hatte, und seine früheren Mitgefangenen ins Gedächtnis zurückriefe, würde er sich über seine neue Lage freuen und jene bedauern. Und wenn er wieder in sein unterirdisches Verlies zurückginge, sich auf den gleichen Platz setzte, würden seine Augen wegen des plötzlichen Wechsels aus dem Sonnenlicht von der Dunkelheit überwältigt werden. Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten mit jenen wetteifern würde, die immer dort gefangen gewesen waren, würden sie ihn auslachen. Sie würden sagen, dass er von seiner Reise nach oben mit verdorbenen Augen zurückgekommen sei und dass es sich nicht lohne, auch nur zu versuchen dort hinaufzukommen. Und wenn jemand versuchen würde, sie zu befreien und nach oben zu bringen, würden sie ihn ergreifen - wenn sie es könnten - und ihn töten.

Dieses Gleichnis müsst ihr aber nun auf das übertragen, was wir vorher besprochen haben. Der für uns sichtbare Teil sollte gleichgesetzt werden mit dem Höhlengefängnis, dem Feuerschein dort und dem Sonnenlicht. Ihr solltet die Reise nach oben und den Anblick der Dinge auf der Erde als das Aufsteigen des Geistes in die spirituelle Welt betrachten. Das Letzte, was man im spirituellen Reich sieht, ist das an sich Gute, und der Anblick des Guten führt zu der Erkenntnis, dass dieses für alles, was gut und richtig ist, verantwortlich ist. In der sichtbaren Welt ist das Gute der Hervorbringer des Lichts und die Quelle des Lichts, und im geistigen Reich ist das Gute die Quelle und der Spender der Wahrheit und des Wissens. Sein Anblick ist die Grundvoraussetzung für Rechtes Handeln, sei es nun in eigenen oder öffentlichen Angelegenheiten.“ (514 a - 517 c)

Das Ziel des Philosophen ist, das Prinzip der Güte zu erkennen, das Gute schlechthin. Dies ist das höchste Ziel innerer und äußerer Rechtschaffenheit, d.h. individueller und sozialer Ökonomie.

Heute wird Ökonomie nur als ein Hilfsmittel für die Produktion und Distribution vieler materieller Güter angesehen. Jedoch sollte die Ökonomie, wie zuvor dargelegt, auf Güte aus sein, das gemeinsame Gute hinter den vielen. Das sollte ebenfalls das Ziel von Erziehung sein.

„Erziehung bedeutet nicht, Er­kenntnis in eine Seele zu pfropfen, wenn keine Erkenntnis in der Seele sei, so als setzte man Licht in blinde Augen ein. Die Fähigkeit zur Erkennt­nis ist in jeder Seele vorhanden, und so wie sich ein Auge von der Dunkel­heit zum Licht hinwendet, so muss sich die Seele von der Welt des Wer­denden dem Seienden selbst zuwen­den, bis sie fähig wird, das Glänzendste unter dem Seienden, das wir das Gute-An-Sich nennen, sehen zu kön­nen. Das sollte Erziehung sein, die Kunst der Orientierung. Erzieher soll­ten die einfachsten und wirkungsvoll­sten Methoden entwickeln, um den Geist zum Licht hinzuwenden. Das Sehen soll nicht eingepflanzt werden, denn es besitzt schon diese Fähigkeit, sondern seine Ausrichtung sollte kor­rigiert werden, weil es jetzt noch nicht die richtige Blickrichtung hat." (518c - d)

„Erziehung sollte nicht Information,

Erziehung sollte Transformation sein.”

(Sathya Sai Baba)

- Wird fortgesetzt -

Aum Sri Sai Ram