August 2007 - Jahrgang 1 - 8. Ausgabe

 

WERTE IN DER ÖKONOMIE

IM GRIECHISCHEN DENKEN

George Bebedelis - Athen, Griechenland - Februar 2007

TEIL II

 

3. Aristoteles über Tugend und Glück

Professor Viśvanath Pandit sagt in seinem Artikel „DieSpiritualisierung der trostlosen Wissenschaft” in dem Buch „ Vidyagiri, Göttliche Vision“, veröffentlicht zum silbernen Jubiläum des Sri Sathya Sai Institute of Higher Learning:

„Wenn wir uns die Entwicklung des ökonomischen Denkens anschauen, stellen wir in der Tat fest, dass es ein klares moralisches Fundament hat. In unserem Land geht es zurück auf Kautilya, dessen Arthasastra man als die erste Abhandlung mit dem Titel „Ökonomie” bezeichnen kann. Aber das war im Westen genauso, wie man an den Schriften von Aristoteles und anderen sehen kann, und was seinen Höhepunkt findet in der „Nicomachischen Ethik“. Tatsächlich wurde in führenden Institutionen in Europa die Ökonomie als ein Teil des übergeordneten Fachgebietes Moral-Philosophie behandelt. Adam Smith und Stanley Jevons, die Begründer des herrschenden Paradigmas der neoklassischen Ökonomie, hatten Lehrstühle für Moral-Philosophie an der Universität Glasgow bzw. Manchester."

Wir haben nun gesehen, dass es eine starke Verbindung zwischen Ökonomie und Gerechtigkeit (engl.: justice) gibt. Das Thema Tugend, Moral und Rechtschaffenheit wird nun weiter an den Schriften des großen Philosophen Aristoteles diskutiert, der in Platos Akademie in Athen zwanzig Jahre lang, im Alter von 17 bis 37 Jahren, studierte. Die Breite der Studien von Aristoteles und die Masse seiner Schriften ist so immens, dass es fast unbegreiflich ist, wie ein einziger Philosoph zu Lebzeiten ein so riesiges Werk schaffen konnte, das normalerweise die Mitarbeit von Hunderten benötigt hätte. Sein Werk ist tatsächlich einzigartig und ewig.

Ganz zu Beginn seines Buches „Nicomachische Ethik“ stellt Aristoteles eine fundamentale Frage: „Was ist dem Menschen das höchste Gut?“ Die Antwort ist sehr einfach und klar: Das höchste Gut ist Glücklichsein.“ (1095a, 21) Die Frage, die darauf natürlich folgt, ist: „Was ist die wahre Bedeutung von Glücklichsein?“ Auf diese Frage geben die Menschen unterschiedliche Antworten und viele geben nicht die gleiche Antwort, wie die wenigen Weisen. Der einfache Mensch identifiziert Glück mit Sinnes-Freuden und deshalb lieben sie ein Leben mit Vergnügungen. Andere identifizieren Glück mit Geld, Gesundheit, Macht, politischem Status, sozialem Wohlstand, einem luxuriösen Haus usw. Jedoch nach Aristoteles besteht das wahre Glück nicht aus diesen, denn wahres Glück hat ein Haupt-Charakteristikum: Es ist das letzte Ziel aller Handlungen.

In der Medizin ist das Ziel Gesundheit; in der Strategie der Sieg; in der Architektur ein Gebäude (1079a, 20-25). Aber warum will der Mensch gesund sein, oder siegreich oder ein schönes Haus haben? Um glücklich zu sein. Also sind all diese anderen Ziele nicht das endgültige, denn sie sind da um des Glücklichseins willen. Ehren, Genuss, materielle Güter werden nicht um ihrer selbst willen gewählt, sondern um des Glücklichseins willen. Glücklichsein aber wird nicht für etwas anderes, sondern um seiner selbst willen gewählt. Das letztendliche Gut ist Glücklichsein, denn es wird immer um seiner selbst willen gewählt und es ist in sich zufrieden- stellend, ohne dass es eine Ergänzung bräuchte.

Um das Obige klar zu machen, wollen wir das Modell der 5 Hüllen benutzen, das in der Taittiriya Upanishad zu finden ist und oft in Swamis Ansprachen erwähnt wird. Hier lernen wir, dass das wahre Selbst (Atma) des Menschen von 5 Hüllen (kośas) verdeckt ist. Diese sind: die Nahrungs-Hülle (Annamayakośa), die Hülle der vitalen Energie (Prānamayakośa), die mentale Hülle (Manomayakośa), die intellektuelle Hülle (Vignānamaya kośa) und die Glückseligkeits-Hülle (Anandamaya kośa). Die letzte ist die Glückseligkeits-Hülle, die wir erreichen müssen, bevor wir mit der göttlichen Einheit, d.h. Atma oder Brahma oder auch Mahānanda genannt verschmelzen können. Dies ist die letzte Hülle und die erste Ursache von allem. Alles wird um der Glückseligkeit willen getan. Das ist der Grund, warum die Anandamayakośa auch Kausal-Körper genannt wird.

 

Aristoteles sagt: „Glückseligkeit gehört zu den Dingen, die wertvoll und perfekt sind. Es ist das erste Prinzip, denn es ist um der Glückseligkeit willen, dass wir alles andere tun; und das erste Prinzip und die Ursache von allem ist etwas Unschätzbares und Göttliches.” (Nicomachische Ethik 1102 a 1-5)

Wenn Glück das höchste Gut ist, wie können wir es erreichen? Was ist die geeignete Handlung, die den Menschen zu Glück führt? Ein Flöten-Spieler, ein Bildhauer, ein Tischler haben eine spezielle Aufgabe und Aktivität. Augen sehen, Hände greifen, Füße gehen; für alles gibt es eine charakteristische Funktion. Was ist dann die charakteristische Aufgabe des Menschen?

Nach Aristoteles ist die charakteristische Aufgabe des Menschen nicht ein Leben der Nahrungs-Aufnahme und des Wachstums. Das teilt er mit den Pflanzen. Es ist auch nicht das leben der Sinnes-Wahrnehmungen, Fortpflanzung, Bewegung oder irrationaler Handlungen; dies teilt er mit den Tieren. Was übrig bleibt ist ein spirituelles Leben, geleitet vom Logos. Das Wort Logos ist in der ganzen alten griechischen Philosophie fundamental. Es ist die Fähigkeit zu unterscheiden (Unterscheidungsvermögen) zwischen recht und unrecht (richtig und falsch), wahr und unwahr, permanent und vergänglich. Es ist das Gewissen, die Stimme Gottes im Inneren.

Logos kann auch das/der Göttliche bedeuten, der All-Wissende, allgegenwärtig in den Herzen von allen. Deshalb wurde dieses heilige Wort von dem Evangelisten Johannes und allen christlichen Vätern als Name für Jesus verwendet. In der ersten Zeile seines Evangeliums sagt er:

„Am Anfang war Logos und Logos war mit Gott, und der Logos war Gott … Und der Logos wurde Fleisch und lebte unter uns." ( Evangelium nach Johannes, A1-14)

Also sagen wir: Logos = Fundamentales Unterscheidungsvermögen = Buddhi = Vignana = Intellekt = Gewissen = Stimme Gottes in Inneren

Wenn ein Mensch geführt durch den Logos handelt, sind seine Handlungen tugendhaft. Deshalb sagt Aristoteles:

„Menschliche Güte besteht aus Handlung mit Tugend.“ (1098a, 18-19)

Hier stoßen wir auf ein zweites, sehr bedeutendes Wort: Tugend oder Arete. Es kann übersetzt werden als Tugend oder Güte oder Exzellenz (Vollkommenheit) oder „so gut wie möglich sein” oder „das höchste menschliche Potential erreichen”. Die alte Form des Wortes ist Areta. In der alten persischen Sprache, die wie Sanskrit und Griechisch zur indo-europäischen Sprach-Familie gehört, gibt es genau dieses Wort, welches Perfektion, Vollkommenheit bedeutet. Im Sanskrit finden wir dieses Wort als ‚Rita’oder‚Ritam’. In dem zweiten Kapitel der Taittiriya Upanishad wird die vierte Hülle Vignānamayakośa beschrieben als Vogel. Der Kopf des Vogels ist Sraddha (Glaube, Vertrauen, Eifer), der rechte Flügel ist Ritam (Arete, Tugend oder Exzellenz), der linke Flügel ist Satya (Wahrheit), der Körper ist Yoga (Kontrolle der Gedanken und Sinne) und der Schwanz ist Mahattattva (das große Prinzip oder kosmische Intelligenz).

Tugend

(Arete, Ritam)

Kontrolle der Gedanken und Sinne (Yoga)

Wahrheit

(Satyam)

Kosmische Intelligenz

(Mahat Tattva)

Das Sanskrit Wort Rita und das griechische Wort Areta oder Arete sind nahe verwandt, nicht nur wegen ihrer Etymologie, sondern insbesondere, weil sie die gleiche Bedeutung vermitteln und beide in ihren jeweilige Traditionen sehr heilig sind.

Aristoteles sagt: „Der Mensch ist von der Natur mit einer spirituellen Sichtweise ausgestattet, die ihn richtig beurteilen und wählen lässt, was wirklich gut ist … diese größte und edelste Qualität ist nicht etwas, was wir von jemand anderem bekommen oder lernen können, sondern wir haben es als natürliche Qualität. Dieses gute und edle Geschenk der Natur stattet den Menschen mit einer eingeborenen wahren und perfekten Vollkommenheit aus.“ (Nicomachische Ethik 1114b, 7-13)

Wenn der Mensch tugendsam handelt, manifestiert er sein wahres Selbst indem er das aus sich hervor bringt, was schon in ihm existiert. Das ist die Bedeutung des lateinischen Wortes Educere, welches die Wurzel des Wortes Education (Erziehung) ist. In den letzten Jahren hat Swami diese lateinische Wurzel betont, um herauszustellen, dass das wahre Ziel von Erziehung ein Leben ist, das Tugend und Charakter manifestiert. So ein Leben ist wahrhaft süß und angenehm und führt zu wahrem Glück.

 „Bei den meisten Menschen liegen die Vergnügungen im Konflikt mit einander, denn diese stimmen mit seiner wahren Natur nicht überein, aber die Liebhaber der Güte und Schönheit schmecken die Dinge, die natürlicherweise angenehm sind; und das sind die tugendhaften Handlungen. Ihr Leben hat keinen weiteren Bedarf an anderen Vergnügungen, sondern es ist in sich selbst angenehm, süß und glücklich.“ (ibid. 1099a, 15-19)

Wie wir oben sagten, ist das Ziel der Erziehung, die Seelen zu der Sphäre der Tugenden und Werte zu erheben und die innere Schönheit zu manifestieren. Nach Aristoteles ist dies auch das Ziel der politischen Wissenschaften. Deshalb sagt er:

 „Der Mensch, der ein wahrer Politiker ist, muss vor allem große Anstrengungen im Studium der menschlichen Tugenden vollbringen. Denn er möchte seine Mitbürger zu gutem und edlem Charakter führen, dem Gesetz gehorsam und bereit zu tugendhaften Handlungen. Er muss die Wissenschaft der Seele kennen, so wie der Mensch, der die Augen heilen soll, die Wissenschaft des Körpers kennen muss; das um so mehr, als politische (soziale) Wissenschaft wertvoller und höher ist als Medizin.“ (ibid. 1099 b34-37, 1102 a9-12, 1102 a21-25)

4. ZWEI ARTEN VON TUGEND

Aristoteles unterscheidet zwei Arten von Tugenden: „spirituelle” und „praktische“ oder „ethische”.

Spirituelle oder theoretische Tugend ist die Fähigkeit des Logos, der real und nicht-real unterscheidet und die Seele zum Licht der Wahrheit führt. Das Wort „theoretisch” kommt von dem Wort „theoria”, welches im alten Griechisch Kontemplation der göttlichen Realität bedeutet. Plato spricht in deinem Buch „Phaedon”, wie auch Pythagoras, die Auffassung aus, dass der Mensch ein Fremder in dieser Welt sei und der Körper das Gefängnis der Seele. Wenn die Seele durch „theoria”, d.h. durch den Prozess der Kontemplation von den Flecken der Unterwerfung unter den Körper gereinigt ist, ist kein Bedarf mehr an weiterer Geburt. Pythagoras hatte diese Stufe der Göttlichkeit erreicht, und er war der erste, der die drei Arten Leben unterschied, die Aristoteles in seiner „Nicomachischen Ethik” anspricht (S. Radhakrishnan, Eastern Religions & Western Thought, p.141):

  • Das theoretische Leben (das spirituelle oder kontemplative, ein Leben, das der Erforschung der göttlichen Wahrheit geweiht ist)
  • Das praktische Leben (auch das politische genannt, denn es hat mit dem Leben in der Gesellschaft und mit den sozialen Werten zu tun)
  • Das Lust-orientierte Leben

Theoretisches Leben heißt in der griechischen Philosophie ein Leben, das den spirituellen Übungen und der inneren Reinigung gewidmet ist. Theoria ist die höchste Ebene des spirituellen Lebens, in dem der Mensch die Kommunion mit dem Göttlichen etabliert.

Die zweite Art von Tugend, d.h. die praktische Tugend, wird auch ethische Tugend genannt. Das Wort ‚ethical’ kommt von dem Wort ‚eth ο s’ , welches Gewohnheit, eine Handlung, die oft wiederholt wird, bedeutet. So eine oft wiederholte Handlung formt den Charakter. ‚Ethisch’ und ‚moralisch’ sind synonym. Das Wort ‚moral’ ist aus der lateinischen Wurzel ‚mor-‘ gebildet, welches auch Gewohnheit, Sitte, wiederholte Handlung bedeutet.

‚Aktion’ ist ein Wort, das Aristoteles in seinem Buch sehr oft benutzt. Von Anfang an betont er, dass das Ziel der ganzen Abhandlung Aktion und nicht lediglich Wissen ist (1095a, 7-8), und nur für jene, die entsprechend dem Logos handeln, ist das Wissen von solchen Dingen nützlich. (1095a, 12-14)

Swami ist auch ein sehr anspruchsvoller Lehrer und erinnert uns ständig, dass wir handeln, tun, praktizieren sollen. Er nennt das praktisches Wissen, d.h. die Werte in die Praxis umsetzen, tugendsam handeln. Im Griechischen heißt Aktion ‚praxis’ und von dieser Wurzel stammt das deutsche Wort Praxis und praktisch. (Aktion = praxis > praktisch).

Swami definiert Educare als praktisches Wissen.

„Erziehung ist nicht einfach Wissen, sondern es muss dich zur Handlung führen.“

(Divine Discourse, 20.11.2001)

In den Worten von Aristoteles: „Allein durch rechtschaffenes Handeln wird der rechtschaffene Mensch geprägt und durch maßvolles Handeln wird der maßvolle, selbstbeherrschte Mensch geformt; ohne zu praktizieren würde niemand je eine Chance haben gut zu werden. Jedoch praktizieren die meisten Menschen nicht, sondern verlieren sich im Argumentieren und bilden sich ein, dass sie Philosophen seien und dass sie auf diese Weise tugendhaft würden. Sie benehmen sich wie Patienten, die aufmerksam ihrem Arzt zuhören, aber dann keinen der Ratschläge befolgen. Weder werden diese durch so eine Behandlung ihren Körper heilen, noch werden die vorher Erwähnten ihre Seelen durch so einen Philosophie-Kurs heilen.“ (Nicomachean Ethics, 1105b, 10-20)

 

5. DER KREIS DER ÖKONOMIE

Aristoteles definiert praktische Tugend als einen Balance-Zustand, einen Zwischen-Zustand zwischen Exzess und Mangel. Das Prinzip der rechten Balance ist von überragender Bedeutung im alten Griechenland.

„Tugend ist für uns ein Zwischen-Zustand, bestimmt vom Logos und vom weisen Menschen. Es ist ein Mittel (-wert) zwischen zwei Lastern, dem Exzess und dem Mangel.“ (ibid. 1106b, 40 – 1107a, 3)

Heute ist diese Balance verloren gegangen, im Menschen, in der Gesellschaft und in der Natur. In Seiner göttlichen Ansprache vom 25. September 2000, während der Konferenz zur „Stärkung der Menschlichen Werte”, sagte Bhagavan Baba: „Das Menschliche ist niedergegangen, weil der Mensch keine Balance mehr im Leben hat. Wenn die menschlichen Werte gefördert werden, soll der Mensch auch sein Wissen in Praxis umsetzen und die richtige Ausgewogenheit im Leben einhalten. Heute verliert die Welt ihre ökologische Balance, weil der Mensch aus extremem Egoismus Mutter Erde ihrer Ressourcen wie Kohle, Erdöl und Eisen usw. beraubt. Als Resultat haben wir Erdbeben, Überschwemmungen, und ähnliche verheerende Natur-Katastrophen. Das menschliche Leben wird nur Erfüllung finden, wenn die ökologische Balance bewahrt wird. Balance im menschlichen Leben und Balance in der Natur sind beide gleich wichtig. Heute ist sogar das Leben in den Meeren in Gefahr, auf Grund so genannter technischer Fortschritte. Naturwissenschaftlicher Fortschritt ist willkommen, aber er darf nicht zu ökologischem Ungleichgewicht führen. Die Menschen und die ganze Welt sollte von der Wissenschaft Nutzen haben. Aber heute sind alle nur an egoistischen Vorteilen interessiert. Niemand scheint sich um die Gesellschaft zu kümmern. Das Essen, das wir essen, das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen, sind alle verschmutzt. Tatsächlich sind alle 5 Elemente, die für den Menschen von überragender Bedeutung sind, verschmutzt. Es ist die allererste Pflicht der Studenten die Welt von dieser Verschmutzung zu säubern.“

Im ersten Kapitel wurde diskutiert, dass Rechtes Handeln für ein Individuum nach Plato Harmonie oder Balance zwischen den drei Teilen der menschlichen Seele bedeutet. Diese innere Balance wurde zugeordnet der individuellen Ökonomie. Wir sahen weiter, dass Rechtes Handeln in der Gesellschaft als Harmonie oder Balance zwischen den drei Klassen der Gesellschaft definiert werden kann. Das wurde soziale Ökonomie benannt. Wenn diese beiden gesichert sind, dann wird auch ökologische Balance eintreten. Der Terminus „Ökologie" wurde 1866 von dem deutschen Biologen Ernst Haeckel geprägt und ist von dem griechische Wort oikos (Haushalt, Natur) und logos (rationales Denken) abgeleitet. Deshalb ergib sich die Bedeutung von Ökologie als „rational und vernünftig mit der Natur umgehen“, was weiterhin bedeutet, dass man die natürlichen Ressourcen richtig gebraucht und richtig verteilt. Wir erinnern uns jetzt, dass „nomos“ aus Ökon-nomie von „nemein“ abgeleitet ist, welches ‚verteilen’ bedeutet; also bedeutet ökologische Balance Welt-Ökonomie.“

Das Folgende ist ein sehr häufiger Ausspruch von Bhagavan Sri Sathya Sai Baba:

Wenn Rechtschaffenheit im Herzen ist, wird Schönheit im Charakter sein.
Wenn Schönheit im Charakter ist, wird Harmonie im Heim sein.

Wenn Harmonie im Heim ist, wird Ordnung in der Nation sein.

Wenn Ordnung in der Nation ist, wird Frieden in der Welt sein.

Wie vorher dargelegt, kann man Schönheit im Charakter und Harmonie im Heim als individuelle Ökonomie bezeichnen. Ordnung in der Gesellschaft und in der Nation als soziale Ökonomie und Ordnung und Frieden in der Welt als Welt- Ökonomie. Das Individuelle (Vyashti), die Gesellschaft (Samashti) und die Welt (Srishti) sind alles Glieder an dem einen Göttlichen (Parameshti). Wenn Gleichgewicht und Ordnung in all diesen drei Ebenen gesichert ist, kann man in seinen spirituellen Bemühungen weiter schreiten und die göttliche Wahrheit verwirklichen, die das ganze Universum in einer göttlichen Familie eint. Er verwirklicht dann das Prinzip der Bruderschaft des Menschen und der Vaterschaft Gottes. Dann wird die göttliche Ordnung(nomos) im Hause (ecos) des Universums eingerichtet, welches dann die göttliche Ökonomie genannt werden kann.

Die vier Aspekte der Ökonomie kann man in einem Kreis darstellen, der vom selben Punkt ausgeht und in ihm endet, welcher die göttliche Ökonomie ist. Das Individuum entsteht aus Gott und geht in Ihn wieder ein durch einen Prozess der Ausdehnung, vom Ich zum Wir und endlich zu Er, d.h. zum EINEN.

 

Der Kreis der Ökonomie

Wenn er dieses Ziel erreicht hat, hat der Mensch das höchste Gut erreicht, welches die Sonne ist, die aus Platos Höhle scheint. Das Erreichen des Einen Gottes ist das Ziel der spirituellen Ökonomie, wohingegen die Produktion und Distribution der vielen materiellen Güter der Zweck der weltlichen Ökonomie ist. Jedoch sollen wir diese beiden nicht als entgegengesetzt sehen; im Gegenteil, sie sind komplementär. Welt-Ökonomie wird manchmal eine „trostlose Wissenschaft“ genannt, (ein Begriff, der zuerst von Thomas Carlyle benutzt wurde), insofern, als sie sich scheinbar hauptsächlich mit dem menschlichem Elend beschäftigt, das aus seinem fortwährenden Kampf entsteht, seine grenzenlosen Wünsche mit begrenzten Mitteln zu befriedigen. Aber die spirituelle Ökonomie hilft dem Menschen, die Wünsche zu begrenzen (indem man „Begrenzung der Wünsche“ praktiziert) und die Mittel unbegrenzt macht (durch harte Arbeit, selbstlosen Dienst, Opfergeist, ökologische Balance).

Baba sagt: „Arbeite hart – das ist die Botschaft. Und teile den Ertrag mit anderen. Je härter Du arbeitest, desto mehr kannst Du teilen. Arbeite hart, und noch wichtiger, arbeite mit anderen zusammen in liebevoller Verbundenheit.“

Epilog

Der letzte Zweck von Ökonomie ist soziales Wohlergehen und menschliches Glücklichsein. Die oben angestellte Analyse zeigte klar, dass dies nur erreicht werden kann, wenn der Mensch eine tiefe innere Untersuchung über seine wahre Natur macht und im täglichen Leben tugendhaft handelt. Ökonomische Entwicklung heißt nicht nur Produktion und Distribution von materiellen Gütern, sondern die Stärkung der Menschlichen Werte und spirituellen Ideale im Leben.

Aristoteles sagt: „Das spirituelle Leben ist das Höchste für den Menschen. Er lebt nicht mehr als ein gewöhnlicher Mensch, sondern als der Besitzer des göttlichen Funkens. Sein Leben wird göttlich und nicht mehr einfach menschlich. Wir dürfen also nicht mehr denen folgen, die uns raten, da wir Menschen seien, über sterbliche Dinge nachzudenken, und da wir sterblich seien , über sterbliche Dinge nachzudenken, sondern wir müssen, soweit wir können, uns unsterblich machen, und jeden Nerv anstrengen, in Übereinstimmung mit dem wertvollsten Teil unseres Seins zu leben. Denn das göttliche Element in uns, mag es nur klein an Masse sein, übertrifft alles an Kraft und Exzellenz. Mehr noch, dieses göttliche Element ist der Mensch, weil es der kraftvollere und wunderbarere Teil von ihm ist. Es wäre seltsam, wenn er nicht sein eigenes Leben wählen würde, sondern das von jemand anderem…Für den Menschen ist also das göttliche Leben das höchste und angenehmste, da der Mensch wesentlich Gott ist. Dieses Leben ist auch das glücklichste.“ (Nicomachische Ethik, 1177 b31 – 1178 a9)  

Swami hat sehr kurz und klar erklärt: „Glück ist die Vereinigung mit Gott.“  

Gott ist Glückseligkeit, AnandaSvarupa (Verkörperung von Ananda). Wenn der Mensch mit Gott eins wird, erfährt er nicht nur Glückseligkeit, sondern er wird zur Glückseligkeit selbst. Er transzendiert die 5 Hüllen, die sein wahres Selbst bedecken, und wird, was er immer gewesen ist, d.h. SatChitAnanda, Sein Bewusstsein, Glückseligkeit. Die Suche nach dem Glück führt uns zurück zu dem Punkt, wo die ganze Philosophie beginnt, d.h. zu dem Delphischen Spruch: „Erkenne Dich selbst!”, welches das Wesentliche in den Lehren des göttlichen Sokrates ist. Sogar in seinen letzten Augenblicken im Gefängnis lehrte er seine Schüler: „Erkennt euch selbst.“ Lasst uns mit Bhagavans Worten schließen:  

„Du bist mehr als der Körper, die Sinne und das Gemüt. Du bist das Licht reiner Liebe, die im Altar deines Herzens scheint. Verwirkliche diese Wahrheit und erfülle den Zweck deines Lebens, welches ist, dich selbst zu erkennen.“

ANHANG

Swami hat vielmals von Sokrates, Plato und Aristoteles gesprochen. Hier ist ein Auszug von einer Ansprache, die Bhagavan Baba vor der Fakultät und den Studenten der School of Business Management, Accounting and Finance, des Sri Sathya Sai Institute of Higher Learning, Prashanti Nilayam, gehalten hat:

„Sokrates folgte dem Pfad des Pariprasna - er stellte Fragen und beantwortete sie. Dies ermutigte die ganze Jugend. Was sind die Eigenschaften eines Herrschers? Welche guten Qualitäten und Gewohnheiten sollte er haben? Welcher Moral sollte er folgen? Welche Hingabe sollte er haben? Er untersuchte alle diese Dinge. Er ließ die Jugendlichen über all diese Dinge nachdenken und schließlich wurde entschieden, dass die Person ohne diese Qualitäten nicht geeignet sei, Herrscher (Führer) zu sein. Er sollte Gott lieben. Es wurde entschieden, dass die Jugend für das Land kämpfen sollte. Die Herrscher seiner Zeit waren darüber sehr verärgert und entschieden daher, Sokrates zum Tode zu verurteilen. Das Gute sieht sich immer mit solchen Hindernissen konfrontiert. Der Entschluss war endgültig. Niemand konnte ihn ändern. Sokrates entschied, dass es besser sei, in den Händen seiner Devotees zu sterben als in den Händen der Herrscher. Der herausragende Schüler von Sokrates war Plato. Plato war eine mächtige Person. Er versuchte, die Lehren des Sokrates in der ganzen Welt zu verbreiten. Er predigte, dass für diese Welt drei Dinge wichtig und notwendig seien: Wahrheit, Güte und Schönheit. Was ist Schönheit? Schönheit bezieht sich nicht auf den Körper. Selbstlosigkeit ist Schönheit. Eine Person, die selbstlos arbeitet, ist die schönste. Diese drei werden auch Nischala (Beständigkeit), Nirmala (Reinheit) Nisvartha (Selbstlosigkeit) genannt.

Aristoteles, der Schüler von Plato, kannte die indische Kultur gut. Er nahm diese drei Worte von Plato und formulierte sie zu: Satyam Sivam and Sundaram. Er lehrte die Welt, dass Satyam (Wahrheit), Sivam (Güte) und Sundaram (Schönheit) sehr wichtig seien. Diese drei sind auch die Lehre von Sathya Sai. Satyam: Sprich die Wahrheit, Sivam: Glück (mangalam) / Güte. Was ist Glück / Güte? Selbstlosigkeit. Wenn etwas egoistisch ist, wird es un-glücklich ( a-mangalam). Dann kommt Sundaram: Schönheit. Wann wird etwas schön? Etwas wird schön, wenn es keine Spur von Bindung gibt. Plato entwickelte all diese Dinge. Wenn ein Land sich auf diese Weise entwickelt, dann können die Menschen die Früchte davon genießen. Die Kultur, der Plato und andere folgten, ist auch die Bharatiya (indische) Kultur.”

Aum Sri Sai Ram