Es war einmal
Mrs. Rita Bruce
Die Überschrift zu diesem Kapitel ist nicht der Anfang eines Märchens, sondern eine Erinnerung an den Lebensstil in der Zeit meiner Kindheit, zwischen 1940 und 1950, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Es mag sich wie ein Märchen anhören für Menschen, die das Zeitalter ohne Fernsehen nicht mehr erlebt haben; aber es war meine Wirklichkeit. Meine Kindheit war sorglos, unbekümmert und freudvoll.
Es gibt zwei wichtige Gründe, weshalb ich davon erzählen möchte. Bald wird das Wissen um jene Zeit verloren sein. Es ist nicht so, dass die Ära, bevor es Fernsehen gab, perfekt war; aber unser Alltag war einfacher und stärker geprägt von moralischen Grundsätzen. Versuchen Sie einmal, während Sie das Folgende lesen, dem entspannten, maßvollen, langsameren Gang des Lebens nachzuspüren und fragen Sie sich, was wir „aus jener alten Zeit“ übernehmen und für unser „Leben heute“ verwenden können. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, und das möchten wir auch nicht; aber wir können von der Vergangenheit lernen, um die Zukunft besser zu gestalten.
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Auf vielen Gebieten haben wir die Methode praktiziert, das bereits Bewährte weiter zu entwickeln. Im Familienleben ist uns das nicht gelungen. Der Fortschritt hat sich konzentriert auf Wissenschaft, Medizin, Erziehung, materielles Wachstum und Technologie. Aber darüber ist die Gesundheit und Zusammengehörigkeit der Familien verloren gegangen. Unsere ererbten familiären Werte - Verbindlichkeit, Fürsorge, Versöhnlichkeit und ganz simple Selbstlosigkeit - verschwinden. Als ich Kind war, gab es noch einen ausgeprägten Sinn für Religion, Gemeinschaft, Zeit für sich selbst, für die Kinder und die Familie. Wo gibt es das heute?
Meine Familie wohnte im Verwaltungsbezirk von St. Louis, Missouri. Die kleine Stadt hieß Jennings. Meine Eltern sind da geboren und haben bis zu ihrem Tod dort gelebt. Mein Lebensumfeld umfasste Elternhaus, Kirche und Schule. Ich ging in die katholische Kirche und Schule, die nur wenige Häuserzeilen von unserem Heim entfernt waren. Die Welt meiner Kindheit war klein, vertraut und leicht verständlich, aber doch groß genug für ein Kind. Die enge Beziehung zur Umgebung und der erweiterten Familie gaben emotionalen Halt.
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Aufgewachsen in einem friedlichen und sicheren Umfeld
Im Vergleich zu damals, ist das Kind heute vielen ungewohnten Erfahrungen ausgesetzt: Fernsehen, weltweite Internet-Verbindung, Wohnungs- und Schulwechsel, Tages-Kinderbetreuung, Scheidung etc. Heute leben Kinder in einer Umgebung, die sich ständig wandelt. Das kann zu Verunsicherung und Desorientierung führen. Ich frage mich manchmal, ob die überstimulierende Alltagswirklichkeit in ihrem Leben vielleicht zuviel ist für ihr Nervensystem und sie sich deshalb manchmal hinter dem Bildschirm eines Computers oder ähnlichem verstecken.
Meine Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen und Schulfreunde waren zu Fuß zu erreichen. Meine Eltern kannten alle meine Spielgefährten und deren Eltern. Sie besuchten dieselbe Kirche, hatten gleiche Werte und religiöse Vorstellungen. Es gab da keine Widersprüche zu den allgemeinen Überzeugungen, keine Verwirrung der Wertvorstellungen, keine Isolation, sondern nur das Gefühl von Verlässlichkeit. Meine kindliche Persönlichkeit und Sicherheit ruhte auf einem soliden emotionalen Fundament. Ich wusste, was richtig und was falsch war, meine religiösen Vorstellungen wurden von allen bestätigt, und meine Familie bot mir ein weiträumiges System an Unterstützung.
Man könnte einwenden, dass diese Festigkeit keine Herausforderung durch andere Ansichten zuließ. Aber emotionale Sicherheit ist für Kinder unentbehrlich. Die Fähigkeit, neue Ideen zu hinterfragen, kann später dazu kommen, wenn wir genügend Lebenserfahrung haben und erfassen können, was hinterfragt werden muss. Heute erhalten Kinder eine Menge widersprüchlicher Informationen, sogar in der Schule, und vielen Kindern fehlt das Sicherheitsnetz einer größeren Familie oder Gemeinschaft, das die Ansichten der Eltern bestätigt. Das kann zur Verwirrung über das eigene Ich führen.
Eine sichere Umgebung erzeugt Charakterfestigkeit
Mein Tag begann mit Kirchgang und Heiliger Messe vor dem Unterricht. Die Nonnen erteilten mir Klavierunterricht, als ich sechs Jahre alt geworden war, und der Priester machte mit uns Sport nach der Schule. Meine Freizeit gestaltete ich selbst. Es war während meiner Kindheit von Anfang an klar, dass wir selbst zuständig waren für unsere Aufgaben und Aktivitäten. Das Gefühl für Eigenverantwortung prägte sich ein. Es war eine Lebensphase, in der wir nicht verwöhnt wurden, sondern Selbstvertrauen entwickelten.
Alle Kinder spielten und organisierten Spiele für sich selbst, wie Schule-Spielen, Städtebauen im Sand, Sporttreiben, neue Spiele erfinden, Singen, Tanzen und anderes mehr. Wir nutzten unsere Phantasie; denn wir hatten nicht viele Spielsachen. Natürlich gab es ein paar einfache Dinge. Einen Ball und Schläger, ein Springseil, eine Puppe für die Mädchen, einen Fußball für die Jungen. So war das eben. Mein erstes Fahrrad bekam ich erst, als ich zwölf Jahre alt war. Und das war ein Riesenereignis. Ich erinnere mich, wie in den Jahren des Wartens der Wert desGeschenkes ebenso wuchs wie mein Gefühl dafür, dass meine Eltern ein Opfer brachten mit dieser Gabe an mich.
Meine Großmutter besuchte uns jeden Tag, und als mein Großvater starb, lebte sie bei uns. Meine Mutter und Großmutter machten alles gemeinsam. Zur Stabilität der Routine in meinem Leben kann ich dies berichten: Montag war Waschtag, am Dienstag wurde gebügelt, am Mittwoch gebacken, am Donnerstag eingekauft, am Freitag das Haus saubergemacht. Tag für Tag bereiteten die beiden Frauen jede Mahlzeit zu. Wir aßen immer um dieselbe Zeit gemeinsam zu Abend, außer sonntags. Das Sonntagsdinner nach dem Kirchgang war ein besonderes Ereignis. Es fand zu Hause statt, im Kreis der ganzen Familie. Wir gingen nicht aus.
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Ich wollte gerne nähen lernen. Die Firma Singer-Nähmaschinen gab einen Kurs im Stadtzentrum von St. Louis. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt, nahm am Unterricht teil und konnte mir mit dreizehn Jahren meine Kleider selber nähen. Meine Mutter musste mich nicht begleiten, denn wir lebten – das war einmal – in einer sicheren Umgebung.
Meine Eltern legten Wert auf Selbstverantwortung. Es gab in den Jahren nach 1940 die geistige Haltung, Gott, Vaterland und Familie zu lieben. Wichtig war es, anderen zu dienen und zu helfen. Während des zweiten Weltkrieges meldeten sich sechzehn- und siebzehnjährige Jungen freiwillig zur Wehrmacht, um unser Land zu beschützen. Später wurde bekannt, dass sogar ein Zwölfjähriger bei der Musterung irgendwie durchgeschlüpft und in die Armee eingetreten war. Das wäre heute undenkbar.
Sai Baba sagt, dass wir unser Land und unsere Kultur als unsere Eltern verehren sollten. Die Nation ist unsere Mutter. Unsere Kultur ist der Vater. Diese profunde Wahrheit verkündete Rama, indem er erklärte: „Die Mutter und das Land, in das wir hineingeboren werden, sind größer als der Himmel selbst.“ (Göttliche Rede vom 14. Januar 1995)
Disziplin setzt einem Kind gesunde Grenzen
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Disziplin gehörte zur Tagesordnung, zu Hause und in der Schule. Wenn wir uns falsch verhielten, wurden wir zurechtgewiesen. Wenn mir mehr als einmal gesagt werden musste, was ich zu tun hatte, dauerte es eine Weile, bis ein paar Klapse auf den Hintern nachhalfen. Heute werden Schläge als Kindesmisshandlung betrachtet und Eltern können dafür angezeigt werden. Der Telefon-Notrufdienst bei Kindesmisshandlung ist eine sinnvolle Einrichtung für misshandelte Kinder.
Aber es gibt immer Menschen, die schnell herausfinden, wie sich sozial wertvolle Einrichtungen zum eigenen Vorteil missbrauchen und nutzen lassen. Die Mitarbeiter bei der Notrufstelle für Kindesmisshandlung halten grundsätzlich, bis das Gegenteil bewiesen ist, die Eltern für schuldig, und geben damit den Kindern Macht über die Eltern. Um der Gerechtigkeit willen müssen Kind und Eltern gleiche Chancen erhalten, und niemand darf vor der Untersuchung eines Falles verurteilt werden. Kinder mit unsauberen Motiven haben die Sachlage für ihre Zwecke ausgenutzt. Ein Kind, das nicht nach Hause kommen will, weil es zum Beispiel vorhat, mit Freunden die Nacht zu verbringen oder Alkohol und Drogen zu konsumieren, kann „Kindesmisshandlung“ als Grund für sein Fernbleiben von daheim angeben. Ein Anruf über die Hotline-Nummer genügt, um die Eltern zu überprüfen und für schuldig zu halten.
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Sai Baba sagt: „Die Frauen haben ihre große Verantwortung vernachlässigt; Unsicherheit und Kummer in Familie und Gesellschaft nehmen zu, weil sie die Disziplin nicht aufbringen, die Menschen zu einem selbstbestimmten Leben heranbildet. Sie machen keinen Unterschied zwischen einem Kinosaal, einem Markt oder einer Ausstellung, sondern erzählen und schwatzen überall, sogar im Tempel oder während einer Gott geweihten Zusammenkunft. Die Kinder lernen von ihnen und verlieren mit der Zeit die Achtung vor Respektspersonen und heiligen Orten. (Göttliche Rede, Venkatagiri Prashanti Vidwanmaba Sabha, 13. Dezember 1994.)
Ein Kind zu disziplinieren, wird heute als lieblos betrachtet. Wie weit haben wir uns schon entfernt von der Wahrheit, dass Kinder wie Erwachsene ohne Disziplin Verhaltensweisen an den Tag legen, die eines Menschen nicht würdig sind. Disziplin ist Liebe, starke Liebe, die sich die Mühe macht uns zu lehren, unsere negativen Tendenzen zu kontrollieren. Schlechte Gewohnheiten verschwinden nicht plötzlich, wenn wir Teenager und Erwachsene werden.
Ungute Verhaltensweisen bleiben bestehen, wenn sie nicht mit liebevoller Strenge korrigiert werden, sobald sie nicht beim Kind zeigen. Ja, es schmerzt uns und unsere Kinder, wenn wir hart gegen sie sein müssen. Wir tun das nicht gerne, weil wir möchten, dass unsere Kinder uns lieben. Wenn sie dann aber erwachsen sind, und andere Menschen stoßen sich an ihrem Benehmen, weil wir sie nicht erzogen haben zu Höflichkeit, Anstand, Rücksichtnahme, Freundlichkeit und sittlichem Lebenswandel - wie stehen wir dann da als Eltern?
Gegenwärtig werden die Kinder in der Schule und zu Hause nicht auf ihre Fehler aufmerksam gemacht, weil es ihre Gefühle und ihre Selbstachtung verletzen könnte. Derzeit gilt die Ansicht: „Verletze ich die Gefühle des Kindes, verletze ich seine Selbstachtung.“ Nach dem Grundsatz, dass es zu emotionalen Verletzungen und Schädigung des Selbstwertgefühls führt, wenn wir auf Disziplin bestehen und Fehler korrigieren, wird auch an manchen Schulen verfahren. An einigen unserer Schulen werden die Klassenarbeiten nicht korrigiert. Falsch geschriebene Wörter zum Beispiel werden nicht markiert.
Ja, wir verletzen manchmal. Aber das Gefühl von Kränkung ist ein Warnsignal. Es macht uns darauf aufmerksam, dass innerlich etwas nicht stimmt und verändert werden muss. Es ist nicht die Zurechtweisung als solche, die zu Verletzungen führt, sondern die Art, in der sie vorgebracht wird. Wird sie wahrheitsgetreu erklärt, in positiver Einstellung und mit freundlicher Stimme, kann sie leicht angenommen werden. Lehrer und Eltern haben die Pflicht, Kindern beizubringen, was richtig und was falsch ist an ihrem Verhalten.
Herausforderungen zu bestehen schafft Selbstachtung
Selbstachtung kann uns nicht eingeredet werden. Sie kommt aus unserer eigenen Anstrengung. Lernen an sich ist nur die eine Hälfte der Gleichung. Wissen, das nicht praktisch umgesetzt wird, nützt niemandem. Was hat ein Kind vom theoretischen Wissen über Selbstachtung, wenn es nicht in der Lage ist, seine Pflichten und Aufgaben zu erfüllen? Selbstachtung entwickelt sich aus dem, was wir geleistet haben. Das „Selbst“ bezieht sich auf das, was wir tun, und nicht, wie man heute glaubt, auf Reden über Begriffe.
Liebe wird definiert als Wohlbefinden, wenn erlaubt ist zu tun, was Spaß macht. Dem Kind wird Eigennützigkeit beigebracht. Wie steht es um das Wohlgefühl, das eine Arbeitsleistung uns bereitet? Das Ergebnis muss nicht perfekt sein; aber die Anstrengung, es zu erreichen, sollte gelobt werden.
Charakter und Selbstachtung wachsen, wenn Verantwortung übernommen wird. Die Gleichung lautet: Gute-Taten-vollbringen auf der einen Seite entspricht dem Aufbau von Selbstwertgefühl auf der anderen. Selbstachtung entwickelt sich durch Anstrengung und persönliche Leistung. Sie kommt niemals aus dem Lob für etwas, was nicht getan wurde. Es ist sehr gut, ein Kind zu loben, aber nur dann, wenn es dafür einen Grund gibt oder wenn Lob einen Ansporn enthält, wie beispielsweise der Satz: „Ich weiß, dass du das Auto gründlich waschen wirst.“
Korrektur ist wichtig
Wenn das Kind ins Erwachsenenalter kommt und feststellt, dass es dem Leben nicht gewachsen ist, oder es erfährt Ablehnung wegen schlechten Benehmens und mangelnder Kenntnisse im Erwerbsleben, dann wird das kleine Kind im Erwachsenen sich gekränkt fühlen. Das hat damit zu tun, dass der Rückblick auf die Vorgeschichte verstellt ist. Und in den Tiefenschichten der Seele kann sich eine ständige, störende Verletztheit entwickeln, die an die eigenen Kinder weitergegeben wird.
Dieser Kreislauf von Negativität setzt sich dann in der Familie fort.
Wie leicht wäre es dagegen gewesen, das Fehlverhalten des Kindes sofort zu korrigieren, anstatt zu erlauben, dass es sich schwelend festsetzt und Verhaltensweisen hervorbringt, die lange unerklärlich und unbewusst bleiben. Ist es nicht besser für das Kind, einen kleinen Schmerz zu erleben, der das Negative unterbindet und unerwünschtes Verhalten verändert, so dass sich das Selbstwertgefühl des Kindes entwickeln kann? Herauskommen wird dabei am Ende ein emotional gesunder erwachsener Mensch.
Kinder wissen, wann sie etwas falsch gemacht haben, und sie wissen auch, wenn wir sie belügen. Eltern sagen ihrem Kind, dass es etwas tun soll. Wenn der Auftrag nicht ausgeführt wird, ignorieren wir das manchmal. Dafür gibt es viele Gründe. Aber es wird eine Botschaft ausgesandt für das Kind. „Ich muss nicht tun, was Mutter oder Vater sagen. Ich kann machen, was mir gefällt.“ Wenn wir von einem Kind etwas verlangen und uns dann nicht vergewissern, dass der Auftrag auch ausgeführt wurde, werden wir unwahr. Gedanke, Wort, Tat und Konsequenz stimmen nicht zusammen.
Sai Baba sagt: „Wir brauchen die Einheit von Gedanke, Wort und Tat. Denken, Sprechen und Handeln sollten in Harmonie miteinander sein. Menschen neigen gewöhnlich dazu, das eine zu denken, etwas anderes zu sagen und noch etwas anderes zu tun. Das ist unziemlich und heuchlerisch.“ (Sanathana Sarathi, März 1988)
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Was Schmerz uns lehrt
Wir können nicht alles Leid in der Welt verhindern. Deshalb frage ich euch: „Warum machen wir überhaupt so eine große Sache aus Verletzungen?“ Warum betonen wir Schmerz, Leiden, Verletzungen, indem wir versuchen, sie zu ignorieren oder zu vermeiden? Haben wir es hier nicht mit einer Lebenserfahrung zu tun, die uns eine Lehre erteilt? Je mehr wir versuchen, etwas zu verbergen oder es zu verhindern, umso größer wird die Bedeutung, die wir ihm geben. Das Verhaltensmuster, Disziplin und Fehlerkorrektur zu umgehen, weil sie verletzen, führt zu dem Irrglauben, wir müssten um jeden Preis alles Unerfreuliche vermeiden. „Ich kann Verletzung nicht akzeptieren, weil sie zu schmerzvoll ist. Ich will das Vergnügen suchen und dem Unangenehmen aus dem Wege gehen.“
Sai lehrt uns: „Vergnügen ist ein kurzer Moment zwischen zwei Leiden.“
Ja, wir erleben beides, Freude und Schmerz. Und das Wichtigste, was wir unseren Kindern vermitteln können, ist die Wahrheit: „Irren ist menschlich; Vergeben göttlich.“
Wenn der Körper schmerzt, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Dasselbe gilt für die Gefühle. Solange wir in Menschengestalt leben, werden wir Schmerz empfinden, bis wir gelernt haben, uns den inneren Belangen zu stellen, unsere Verhaltensweisen zu ändern und den Komplex zu erlösen. Das wird uns Zustimmung einbringen, eigene und die von anderen. Unangemessenes Benehmen erzeugt Zurückweisung. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder zurückgewiesen werden, müssen wir sie verwöhnen. Lass sie tun, was ihnen Spaß macht!
Diese Psychologie hat die Ich-Generation hervorgebracht.
Sai Baba sagt: Als Mensch geboren zu sein, hat nicht den Sinn zu essen, zu trinken, sich zu vergnügen und sich beliebig zu benehmen. Wo immer ihr hingeht, werden euch die anderen nur für eure Qualitäten schätzen. Über euch sollte gesprochen werden in Sätzen wie: Er/sie verhält sich vorbildlich; das Gespräch mit ihm/ihr macht große Freude; wenn er/sie uns nur ansieht, empfinden wir Glück. Nur eure guten Eigenschaften bringen euch Freude ein.“ (Sanathana Sarathi, Februar 2007)
Die Invasion von Werten aus der „Flimmerkiste”
Können wir uns eine Gesellschaft vorstellen, in der es weniger Verbrechen und weniger Scheidungen gibt? In meiner Jugend konnte ich mich überall sicher bewegen, sogar im Dunkeln. Meine Eltern mussten sich keine Sorgen machen wie heutige Eltern. Scheidung war nicht an der Tagesordnung, und wenn dieses unglückliche Ereignis einmal stattfand, wurde es als schwerwiegend empfunden. Man sprach darüber nur im Flüsterton. Die Ehe wurde uns als ein Heiliges Gelöbnis und anhaltende Verbindlichkeit nahegebracht. Scheidung kam uns überhaupt nicht in den Sinn. Niemand meiner Familienangehörigen und Freunde trennte sich. Als ich jung war, dachte ich, das gäbe es gar nicht bei gewöhnlichen Menschen, das passierte nur den Kinostars in Hollywood. Die ließen sich häufig scheiden. Man hörte davon im Radio und las darüber in Filmmagazinen und Zeitungen. Später kam ihre Lebensweise auch in Spielfilmen und im Fernsehen vor. Wenn man etwas wieder und wieder sieht, beginnt man zu glauben, es sei die Norm. So wurde das Unbewusste programmiert. Jetzt haben wir eine weltweite Epidemie, die Scheidung als etwas ganz Normales akzeptiert.
Mit dem Fernsehen gerieten die Familienwerte in den Schatten. Fremde betraten das Heim, brachten andere Maßstäbe, Überzeugungen und Moralvorstellungen mit und führten ungesunde Verhaltensweisen vor, gegensätzlich zu denen der Eltern. Die überkommenen Wertvorstellungen wurden allmählich unterwandert und aus den Heimen verdrängt von der fortgeschrittenen Technik, die es möglich machte, Shows auszustrahlen und Filme voller Horror, Gewalt, sexueller Freizügigkeit, Mord, Rufmord und Misshandlung von Menschen.
Als ich jung war, hörten wir Radio, und die Programme waren humorvoll und kurzweilig. Heute besteht Unterhaltung aus Sensationsmache, fesselndem Entsetzen und Schrecken-erregenden Szenen. Sie füllen die verschiedenen Arten von Medien und erzeugen Furcht und Unmoral. Wie kann man entspannen, wenn man Fernsehshows und Filme dieser Art und Aufmachung sieht? Wo gibt es die Art von Unterhaltung, nach der wir uns sehnen, Lachen und Vergnügen? Das Leben an sich ist bereits überwältigend. Wer von uns möchte daran erinnert werden rund um die Uhr, vor allem in der Freizeit?
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Verdorben durch zu viel Auswahl
Es gab keine Supermärkte und riesigen Kaufhäuser, als ich ein junges Mädchen war. Der Karren mit Obst und Gemüse kam in unsere Straße; der Milchmann belieferte uns mit Milchprodukten; der Brotmann brachte die Waren aus der Bäckerei. Ich, als die älteste von drei Mädchen, ging zum nächst gelegenen Delikatessgeschäft oder zum Gemischtwarenladen an der Ecke, wenn Mutter von dort etwas brauchte. Das Leben war einfach. Heute, in unseren Mega-Einkaufszentren, muss man endlos laufen, bevor man die wenigen Dinge findet, die man haben will, und hat am Ende Sachen gekauft, die man gar nicht braucht. Gewinnbringende Spontankäufe sind den Marktstrategen jede Anstrengung wert.
1990 verbrachten wir fast ein Jahr bei Sai Baba. Als wir nach Bengalore fuhren, um eine Geburtstagskarte zu kaufen, gab es etwa zwanzig Karten zur Auswahl. Das erinnerte mich an die Einfachheit meiner Kindheitstage.
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Als wir wieder zu Hause waren, brauchte ich noch einmal eine Karte für eines meiner Kinder und ging zu einem der Geschäfte im Einkaufszentrum. Da stand ich und sah ganze Gänge voller Karten zur Auswahl. Dabei fiel mir plötzlich wieder ein, wie leicht es in Bengalore gewesen war, aus zwanzig Karten eine auszuwählen. Ich dachte, wie viel Zeit und Kraft uns das Einkaufen heute kostet. Dieses Erlebnis machte mir bewusst, dass ich inzwischen ganz vergessen hatte, wie einfach für mich als Kind das Einkaufen einmal gewesen war. Statt weniger Minuten stand ich eine Viertelstunde da. Es versetzte mir einen Schock! Wie einfach war es doch gewesen, in Bengalore eine Karte auszusuchen. Einkaufen ist heute wirklich ermüdend.
Ich weiß, dass auch Indien sich inzwischen verändert hat, dass es gefangen ist in der Falle der sinnlichen Begehrlichkeiten, wie wir es waren in Amerika um 1950, als das Fernsehen seinen Einzug hielt. Mit jedem Jahr mehr werden wir, weil Werbung und Produkte zunehmen, zu bloßen Endverbrauchern.
Dazu sagt Sai Baba: „Dharma (Rechtschaffenheit), Santhi (Friede), Prema (Liebe) und Ahimsa (Gewaltlosigkeit) gehören zur menschlichen Natur. Indem der Mensch seine ewigen und ihm wahrhaft zugehörigen Eigenschaften aufgibt, verlangt es ihn nach allem, was weltlich und vergänglich ist. Er sollte stattdessen seinen Blick nach innen richten und eine Vorstellung von seinem Selbst entwickeln.“ (Sathya Sai Baba Spricht, März 2007)
Die Tagesinformationen, die in unserer Familie verarbeitet werden mussten, waren begrenzt. Was hatten wir da? Das kirchliche Mitteilungsblatt, die lokale Tageszeitung, das Radio und die Familiennachrichten. Wir mussten uns nicht jeden Abend mit allem beschäftigen, was sich rundum auf der Welt ereignet hatte, sondern nur mit dem, was in unserer Nähe geschah.
Man stelle sich ein Leben vor ohne Internet, Fernsehen, I-pods und Handys. Welche Gelassenheit in Frieden und Ruhe! Aber wir verstehen die Stille nicht mehr, weil wir sie nur noch kurzfristig aushalten. Unser Geist ist einem Sturzbach von Eindrücken ausgesetzt, die auf die Sinne prallen. Das erzeugt eine permanente Gedankentätigkeit. Wir sind gefangen im täglichen Spiel des Sammelns von Informationen. Daran halten wir fest, weil wir informiert erscheinen möchten. Was dabei leicht herauskommen kann, ist Unruhe, Erregung, Anspannung und Erschöpfung. Wir kommen von der Arbeit nach Hause und sind müde. Kein Wunder.
Ich war Abiturientin, als das Fernsehen bei uns Einzug hielt. Wir sahen Dinge, von denen ich nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Wir sahen Lebensweisen, von denen ich nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Wir sahen Produkte zum Verkauf angeboten, von denen ich nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Aber ich muss natürlich fragen: Wie hätte ich vermissen sollen, was ich gar nicht kannte?
Je mehr wir sehen, umso mehr wollen wir haben.
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Sai Baba sagt: „Die Moral nimmt ab, wenn der Materialismus zunimmt.“
Mein Vater ging zur Arbeit und kam jeden Abend nach Hause. Den Hin- und Rückweg machte er im Auto oder mit dem Bus. Mutter blieb zu Hause, abgesehen von gelegentlichen Fahrten nach St. Louis zum Einkaufen. Wir Kinder waren zu Hause, und wenn wir irgendwo hinwollten, gingen wir zu Fuß. Das Nervensystem hatte einen Abschaltknopf, der nach dem Abendessen gedrückt wurde. Vater lag dann meistens auf dem Fußboden und hörte Radio. Mutter, Großmutter und wir drei Kinder saßen auf der Veranda, lernten Stricken oder Sticken und beobachteten den Sonnenuntergang. Manchmal spielten wir mit unseren Freunden. Das Leben war einfacher und dabei sehr wertvoll. Wir hatten Zeit, miteinander zu sprechen. Wir halfen unserer Familie und Freunden. Wir kannten unsere Nachbarn, die Geschäftsleute und die Mitglieder der Kirchengemeinde. Heute ist das Leben so schnell, dass wir kaum Zeit haben, uns selbst zu kennen, geschweige denn unseren Nächsten.
Wir hatten keine Klimaanlage, und das Wetter war im Sommer heiß und feucht. Gelegentlich gab es für uns die Freude, in einer besonders heißen Nacht ins Auto zu steigen. Vater fuhr mit uns aufs Land, wo es kühler war. Auf dem Heimweg machten wir manchmal Halt, um ein Eis zu essen. Das war ein ganz besonderer Genuss. Meine kindlichen Erwartungen auf Vergnügen waren winzig, verglichen mit der heutigen Generation und dem gegenwärtigen Lebensstil.

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Moral kommt von Werten
Ein Handschlag reichte aus für viele Geschäftsabschlüsse. Das Wort eines Mannes war seine Ehre. Geld galt als wertvoll und wurde nicht leichtfertig ausgegeben. Der Charakter eines Menschen und seine Ehrenhaftigkeit waren wichtiger als Geld. Die Nachbarn kannten sich und halfen einander. Kinder standen auf im Bus, wenn ein Erwachsener keinen Platz hatte. Kinder hatten Achtung vor ihren Eltern und den Lehrern. Sie unterbrachen die Rede der Erwachsenen nicht; sondern warteten, bis sie an der Reihe waren. Kinder widersprachen ihren Eltern nicht. Vielleicht stimmten sie nicht zu, aber sie gehorchten. Kinder beklagten sich nicht bei Freunden über ihre Eltern, oder kritisierten sie. Wer log, verlor seine Ehre.
Es stimmt, dass durchaus nicht alles vollkommen und gut war; aber die Familie hatte größere Kraft aufgrund stabiler menschlicher Werte und spiritueller Überzeugungen. Wir hatten einen Verhaltenskodex, nach dem sich die Gemeinschaft im Großen und Ganzen richtete. Es gab während meiner Kindheit in unserem Glauben und dem, was als richtiges oder falsches Verhalten betrachtet wurde, keine Widersprüche, keine Störungen und keine Ablenkungen. Die Richtung war klar definiert. Unsere Familienkultur und unser Glaubenssystem hatten Bestand. Nach 1960 wurden unsere Werte ernsthaft herausgefordert, und alles begann sich zu verändern.
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Manche Leute sagen, dass die früheren Generationen nicht anders waren als die heutigen. Sie hatten genauso viel Kummer. Ja, natürlich hatten die Menschen ihre Fehler, Probleme und Nöte. Dennoch war unser Lebensstil, der Respekt vor anderen und unser Wertesystem völlig anders. Das zu leugnen, ist einfach unwahr.
Ich lebe in zwei verschiedenen Welten, in der Welt meiner liebevollen Erinnerung an meine frühen Jahre und in der Welt von heute. Ich will mich den Veränderungen nicht anpassen, aber ich möchte sie verstehen. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschheit die Sitten von heute ändert und das weiter entwickelt, was es vor Jahren schon einmal gab. Es ist möglich, dass wir in einer Welt leben, in der selbstloser Dienst hoch geachtet wird; aber dazu müssen wir viele Veränderungen im Familienleben machen. Unsere jungen und künftigen Kinder müssen in einer spirituellen Lebensweise erzogen werden, nach dem Grundsatz: „Hilf immer; verletze nie.“ (Anm.d.Ü.: „Help Ever; Hurt Never.” Oft wiederholter Grundsatz von Sathya Sai Baba.)
Ich will diesen Artikel mit einem Zitat von Dr. Laura Schlessinger beenden, Autorin von vier Büchern, die alle in der Bestseller-Liste der New York Times geführt wurden. Sie gestaltet die populärste Radiosendung Amerikas, empfangen in 450 Städten, und von 18 Millionen Menschen täglich gehört. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Elternschaft durch Stellvertreter“ („Parenthood by Proxy“) mit dem Untertitel „Schafft sie euch nicht an, wenn ihr sie nicht aufziehen wollt“ („Don`t have them if you won`t raise them“) schreibt sie:
„Ich habe selbst die fünfziger Jahre erlebt, als das Familienleben noch verlässlich und gesund war; dann die sechziger mit ihrem Aufstand gegen Autorität, Tradition und mit der überzogenen Betonung der eigenen Persönlichkeit. Während der siebziger, achtziger und eunziger Jahre habe ich beobachtet, wie bedeutende soziale Experimente unglaubliche Fortschritte in Gang brachten, zugleich aber auch katastrophale Angriffe mit sich brachten auf den Respekt vor Autorität, persönliche Verantwortung, Religion, Moral und die Bindung an Familie und Gemeinschaft.
Ich beende mein fünftes Buch zu Beginn eines neuen Jahrhunderts. Jedes der vorangegangenen regte unterschiedliche Leidenschaften und Stimmungen an, verstärkte die Selbsterforschung und war ein Niederschlag meines inneren philosophischen Ringens. Und jedes wurde vorangetrieben durch den Wunsch zu erforschen, in Frage zu stellen und zu inspirieren.
Dieses Buch ist eindeutig anders. Der Grund für dieses Buch war Zorn, was den Prozess der Untersuchung und des Schreibens umso intensiver machte. Ich bin verärgert über die traditionell geschätzten Berufsorganisationen (Medizin, Psychologie, Soziologie, Erziehung), die sich so felsenfest dem Säkularismus verpflichtet fühlen und der völligen Freiheit des Individuums, dass Gott, eheliche Treue und Heiligkeit, das Gelöbnis der Verbindlichkeit zweier Menschen und familiäre Verpflichtungen zur Zielscheibe von Spott und Zerstörung geworden sind.“ (Nachwort, S. 263)
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Sai Baba sagt dazu in seiner Weihnachtsansprache vom 25. Dezember 2006: „Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit sind die fünf menschlichen Werte, die ein Menschenkind ausbilden muss. Ihr solltet alles über diese Grundwerte lernen und sie praktisch einüben. Dann wird eure Lebensreise mit Sicherheit ruhig und friedvoll sein. Dies ist meine wichtigste Botschaft an euch an diesem Tage. Die Wahrheit ist ewig. Nur wenn ihr dieser unsterblichen Wahrheit folgt, wird euer Name im Buch des Lebens für immer aufgezeichnet sein. Die ewige Wahrheit wird euch ewigen Frieden schenken.“ (Weihnachtsbotschaft, 25. Dez. 2006)