September 2007 - Jahrgang 1 - 9. Ausgabe

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Auskunft Bitte

Als ich noch ziemlich jung war, hatte mein Vater eins der ersten Telefone in unserer Nachbarschaft. Ich erinnere mich noch gut an den blank polierten alten Kasten, der an der Wand festgemacht war. Der glänzende Telefonhörer hing neben dem Kasten. Ich war zu klein, um das Telefon zu erreichen, aber hörte fasziniert zu, wenn meine Mutter hineinsprach. Dann fand ich heraus, dass irgendwo in diesem wundersamen Apparat eine genauso wundersame Person, ihr Name war „Auskunft, Bitte“, lebte. Es gab nichts, dass sie nicht wusste. „Auskunft, Bitte“ konnte jedermanns Nummer und die genaue Zeit angeben.

Meine erste persönliche Erfahrung mit diesem Flaschengeist trug sich an einem Tag zu, an dem meine Mutter einen Nachbar besuchte. Als ich mich einmal an der Werkzeugbank im Untergeschoss vergnügte, schlug ich mir mit dem Hammer auf den Finger. Die Schmerzen waren unerträglich, aber es gab keinen Grund zu weinen, da niemand zu Hause war, der mir seine Sympathie hätte aussprechen können. Meinen pochenden Finger lutschend lief ich durchs Haus und gelangte schließlich zum Treppenaufgang. Das Telefon! Schnell rannte ich los, um den Fußschemel aus dem Wohnzimmer zu holen und schleppte ihn zum Treppenpodest. Beim Hochklettern nahm ich den Telefonhörer im Wohnzimmer ab und hielt ihn an mein Ohr. „Auskunft, Bitte“, rief ich in die Sprechmuschel, die gerade über meinem Kopf hing.  

Ein oder zwei Klicks und eine klare zarte Stimme sprach in mein Ohr, „Auskunft“

„Ich habe meinen Finger verletzt“, jammerte ich ins Telefon. Die Tränen flossen nun williger, da ich nun einen Zuhörer hatte.

„Ist deine Mutter etwa nicht zu Hause?“ ertönte die Frage.

„Niemand ist hier außer mir“, heulte ich.

„Blutest du?“ fragte die Stimme.

„Nein“, antwortete ich. „Ich habe mir mit einem Hammer auf meinen Finger geschlagen und es tut weh.“

„Kannst du dein Gefrierfach öffnen?“ fragte sie.

Ich sagte, dass ich das könne. „Dann schlage dir ein kleines Stück Eis ab und halte es an deinen Finger”, sagte die Stimme.

 

Danach rief ich für alles „Auskunft, Bitte“ an. Ich bat sie um Hilfe in Geographie, und sie erzählte mir, wo Philadelphia liegt. Sie half mir mit Mathe. Sie sagte mir, dass mein Streifenhörnchen, das ich gerade vor einem Tag im Park gefangen hatte, Früchte und Nüsse esse.

Dann starb Petey, unser Kanarienvogel. Ich rief „Auskunft, Bitte“ an und erzählte ihr die traurige Geschichte. Sie hörte zu und erzählte dann die gewöhnlichen Dinge, die Erwachsene erzählen, um ein Kind zu trösten, aber ich war untröstlich. Ich fragte sie, „Was hat es für einen Sinn, dass Vögel so schön singen und Freude in alle Familien bringen, wenn sie nur als ein Haufen Federn auf dem Käfigboden enden?“

Sie muss meine tiefe Betroffenheit gespürt haben, denn sie sagte still, „Paul erinnere dich immer daran, dass es andere Welten gibt, in denen man auch singen kann.“ Irgendwie fühlte ich mich daraufhin wieder besser.

An einem anderen Tag war ich wieder am Telefon. „Auskunft, Bitte.“

„Auskunft“, ertönte die nun vertraute Stimme.

„Wie buchstabiert man fix?“, fragte ich.

All dies fand in einer kleinen Stadt im Nordosten des Pazifiks statt. Als ich neun Jahre alt war, reisten wir über das Land nach Boston. Ich vermisste meinen Freund sehr. „Auskunft, Bitte“ gehörte in diesen alten hölzernen Kasten daheim und irgendwie dachte ich nie daran, das große, glänzende neue Telefon, dass auf dem Tisch in der Halle lag, auszuprobieren.

Als ich in die Pubertät kam, verließen mich die Erinnerungen an diese Kindheitsunterhaltungen nie wirklich. Oft erinnerte ich mich dann an die sicherheitsschenkende Gelassenheit, die ich in jenen Momenten des Zweifels und der Ratlosigkeit empfand. Ich schätze es jetzt sehr, wie geduldig, verständnisvoll und liebenswürdig sie war, ihre Zeit mit einem kleinen Jungen zu teilen.

Ein paar Jahre später auf meinem Weg nach Westen zum College, kam mein Flugzeug auf einen Zwischen Stopp in Seattle runter. Ich hatte ungefähr eine halb Stunde oder so Aufenthaltszeit. 15 Minuten verbrachte ich am Telefon mit meiner Schwester, die jetzt dort lebte. Dann, ohne darüber nach zu denken, was ich tat, rief ich den Telefonisten meiner Heimatstadt an und sagte, „Auskunft, Bitte.“ Wundersamerweise hörte ich die zarte klare Stimme, die ich so gut kannte, „Auskunft.“

Ich hatte dies nicht geplant, aber ich hörte mich sagen: „Könnten Sie mir bitte sagen, wie ich fix buchstabiere?“

Es gab eine lange Pause. Dann kam eine weich gesprochene Antwort: „Ich glaube, dass dein Finger inzwischen geheilt sein muss.“

Ich lachte. „Also sind Sie es wirklich immer noch“, sagte ich. „Ich wundere mich, ob Sie sich überhaupt vorstellen können, wie viel Sie mir damals bedeutet hasben?“

„Ich wundere mich“, sagte sie, „ob du weißt wie viel deine Anrufe mir bedeutet haben? Ich hatte nie eigene Kinder und auf deine Anrufe habe ich mich immer schon gefreut.“
 

Ich erzählte ihr, wie oft ich über die Jahre an sie gedacht hatte und fragte sie, ob ich sie wieder anrufen könne, wenn ich zurückkäme, um meine Schwester zu besuchen.

„Bitte tue das“, sagte sie, „frage einfach nach Sally.“

Drei Monate später war ich wieder zurück in Seattle. Eine andere Stimme antwortete, „Auskunft.“

Ich fragte nach Sally.

„Bist du ein Freund?“, fragte sie.

„Ja ein sehr alter Freund“, antwortete ich.

„Es tut mir leid dir das mitteilen zu müssen“, sagte sie. „Sally arbeitete die letzten paar Jahre Teilzeit, weil sie krank war. Sie ist vor fünf Wochen gestorben.“

Bevor ich auflegen konnte sagte sie, „Warte eine Minute. Sagtest du, dass dein Name Paul sei?“, „Ja“, antwortete ich.

„Hör mal, Sally hat dir eine Botschaft hinterlassen. Sie schrieb sie auf für den Fall, das du anrufen würdest. Lass sie mir dir vorlesen.“

Die Notiz lautet, „Sag ihm, dass ich immer noch denke, dass es andere Welten zum Singen gibt. Er wird wissen, was ich meine.“

Ich dankte ihr und legte auf. Ich wusste, was Sally meinte.

Unterschätze niemals den Eindruck, den du auf andere machst. Wessen Leben hast du heute berührt?

- Heart2Heart Team


 

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