September 2007 - Jahrgang 1 - 9. Ausgabe

 

„Das Göttliche in der Kunst“

Dieses mit Bedacht gewählte Motto des Kunst- und Kulturfestivals der Sathya Sai Organisation Deutschland, das im August kommenden Jahres unter dem Titel „sai-art“ in Köln stattfinden soll, nimmt sich in Anbetracht unserer heutigen Zeit und ihrer Tendenzen eher anachronistisch aus. Sind wir, vor allem in der westlichen Welt, nicht weit davon entfernt, Kunst als etwas Göttliches zu betrachten? Auf der anderen Seite aber gibt es den Aufruf der 7. Weltkonferenz in Prashanti Nilayam, „Sai-Seva durch Kunst und Kultur“ zur „neuen Dimension in den Sai-Zentren“ zu machen. Wie lassen sich Kunst und Spiritualität vermitteln? Im Folgenden wollen wir diese vermeintlichen Gegensätze etwas näher betrachten und uns auf diese Weise auf das Festival vorbereiten.

Die Ursprünge der Kunst

Wenn wir das, was wir heute unter dem Begriff „Kunst“ zusammen fassen, einmal auf seine frühesten Anfänge zurückverfolgen, dann begegnen uns ihre geschichtlichen Zeugnisse in den alten Hochkulturen Mittel- und Südamerikas, Ägyptens, Vorder- und Mittelasiens, Indiens oder Ostasiens. Es handelt sich dabei um sakrale Baudenkmäler wie Pyramiden und Tempel, um rituelle Gegenstände oder Grabbeigaben oder um mythologische Darstellungen und heilige Schriften – beredte Zeugnisse vergangener Epochen, von denen auch noch heute eine starke Faszination ausgeht. Wir begegnen ihnen in Museen und Ausstellungen antiker Kunst und Kultur, oder wir folgen ihren Spuren auf den bekannten Touristenpfaden – doch das Weltverständnis dieser Epochen ist für uns kaum noch nachvollziehbar. Aus welcher Geisteshaltung heraus sind diese Werke entstanden? Was beseelte die Künstler Tausende von Jahren vor unserer Zeit?

Betrachten wir die überlieferten Zeugnisse dieser alten Kulturen genauer, enthalten sie alle eigentlich nur die eine Botschaft: das menschliche Streben nach Vollkommenheit bzw. nach dem Göttlichen. Der Mensch hat sich zu allen Zeiten immer um seine höchstmögliche Ausdrucksform bemüht. Und es war schon immer die eigentliche Aufgabe der ihrerseits selbst nach Vollkommenheit strebenden Künstler, die Mitmenschen über ihre Kunst mit dem Ursprung und dem Ziel ihres Seins zu verbinden: mit Gott. Kunst war religiöse Erfahrung und religiöser Ausdruck von Welt und bezog sich auf das, was unveränderlich ist, bezog sich auf die ‚letzten Dinge’.

Das Weltbild des antiken Menschen war allerdings – anders als heute – ein mythologisches. Der Mensch begriff sein Dasein als die sichtbar gewordene eine göttliche Wirklichkeit. Alles irdische Geschehen war ihm nur Symbol des Göttlichen. Und so bemühte er sich, die Symbolik des (und seines) Lebens zu verstehen. Eine wesentliche Hilfe in diesem Streben bot ihm die kultische Handlung. Sie war das verbindende Element zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, sie fungierte als Vermittler zwischen beiden. Mit Opferriten und Weihehandlungen suchte der Mensch den Kontakt mit dem Göttlichen. Kultus (oder Kultur) diente also immer dem Zwecke der Vermittlung des Menschen mit dem Göttlichen. Kultur eröffneten ihm überhaupt erst einen Zugang zur geistigen Wirklichkeit.

Kultur in ihrer eigentlichen Bedeutung war also nichts anderes als der menschliche Nachvollzug der göttlichen Ordnung. Kultur diente sowohl dem Verständnis als auch der Verherrlichung dieser Ordnung.

Besonders deutlich wurde das in der griechischen Tragödie, die dem damaligen Menschen ein ganzheitliches Verständnis seines Lebens vermitteln wollte. Dazu gehörte natürlich auch die Auseinandersetzung mit Krankheit, Leid und Schmerz, mit Angst und Tod, die einen festen Bestandteil der geistigen Reifung eines jeden Individuums bilden. Die griechische Tragödie leistete diesen Reifungsprozess in Form einer kollektiven Auseinandersetzung im Theater. Sie verband den Menschen mit der ewigen göttlichen Ordnung. Ritus und Theater waren in ihren Uranfängen nicht unterschieden.

Noch heute finden wir diese Verbindung von Ritus und Theater in den tibetischen Festen und Maskentänzen oder im indischen Tempeltanz, besonders dem Kathakali in Kerala. Auch das Ramayana, das zu Dasara im Oktober jedes Jahr zehn Tage lang auf Plätzen und in Theatern in ganz Indien nachgespielt wird, bestätigt den kultischen Ursprung des Theaters.

Religion, Philosophie und Mythos können gerade in Indien nicht von ihrem künstlerischen Ausdruck unterschieden werden. Der Gebrauch von Masken (griech.: „persona“, d.h. „hindurchtönen“!) bestätigt, dass es hier nicht um die Person des Schauspielers geht, sondern um das, worauf er hinweist, nämlich auf etwas außerhalb der Bühnenillusion Befindliches. Der Schauspieler verbindet den Zuschauer mit der unsichtbaren Welt und tritt als Person hinter der Maske zurück; er leiht ihr nur seine Stimme.

Ähnlich verhält es sich mit der Dichtkunst. Auch die frühesten Zeugnisse von Dichtung sind sakralen Ursprungs. Die Anfänge deutscher Literatur beispielsweise, die Merseburger Zaubersprüche (vor 750) oder das Wessobrunner Gebet (ca. 770), sind Gebete, Opfersprüche, Götterpreislieder – also Kultdichtung gewesen, die diese Verbindung zum Göttlichen herstellen sollte.

In Indien verhielt es sich nicht anders. Von den Veden wissen wir, dass sie nur mündlich weitergegeben wurden. Sie gelten als offenbarte Klangschwingungen und enthalten Hymnen und Sprüche für die kultische Handlung, mit der – bei richtiger Rezitation – die kosmischen Prozesse ins Gleichgewicht gebracht werden. Nur Schüler mit der entsprechenden geistigen Reife durften sie auswendig lernen. Bei uns im Abendland gab es das Verbot, die Bibel, also die „Heilige Schrift“ (!), außerhalb von Kirche und Kloster zu besitzen, was sicherlich nicht nur machtpolitische Gründe gehabt hat.

Aber nicht nur der Inhalt von Dichtung war sakral, sondern sogar die Schrift selbst! In allen Kulturen galt sie Jahrhunderte lang als etwas Heiliges, das ausschließlich dem rituellen Gebrauch vorbehalten war. So heißt beispielsweise die Schrift des Sanskrit, in der auch das heutige Hindi noch geschrieben wird, ‚Devan â gar î -Schrift’, was soviel wie ‚Schrift der Götter’ bedeutet! Es wäre früher ein unerhörtes Sakrileg gewesen, profane Geschehnisse oder Sachverhalte aufzuschreiben. Im Islam gilt die Kalligraphie genau aus diesem Grund als höchste Kunstform, weil ihr Gottes Wort anvertraut ist. Aus Hochachtung vor dem geschriebenen Wort Gottes gab man den heiligen Texten eine möglichst schöne Gestalt, die ihre Wirkung auf den Leser optisch noch unterstreichen sollte.

Schauspiel und Dichtung waren also ursprünglich Bestandteile kultischer Handlungen. Um diesen einen würdigen Rahmen zu geben, errichteten die Menschen als sichtbare Zeichen ihrer Verehrung des Göttlichen Tempelbauten – architektonische Meisterwerke, die in aller Welt ihre Zeit überdauerten. Ein fester Bestandteil dieser Bauten waren Wandmalerein und Skulpturen voller Symbolik, die die Menschen zur spirituellen Ausrichtung ihres Lebens inspirierten.

Die bildenden wie die darstellenden Künste haben also einen sakralen Ursprung. Sie sind immer Teil von kultischen Handlungen gewesen und ihrem ursprünglichen Wesen nach spirituell. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Entsakralisierung der meisten Lebensbereiche hat auch die Profanisierung von Kunst und Kultur mit sich gebracht; ihr spiritueller Bezug ist weitestgehend verloren gegangen. Um so mehr lässt aufhorchen, dass Sathya Sai Baba auf der 7. Weltkonferenz 2000 in Puttaparthi „Sai-Seva durch Kunst und Kultur“ zur „neuen Dimension in den Sai-Zentren“ erhoben hat.

Kunst – ein Geschenk Gottes!

In Sai Babas Ansprachen finden wir häufig den Begriff „Kunst“ im Sinne von „Kunstfertigkeit“ oder „ Können“; so zum Beispiel wenn er sagt: „ Alle müssen die Kunst erlernen, niemandem Leid zuzufügen.“ Oder: „Ich möchte, dass ihr zuerst die Kunst erlernt, mit anderen zusammenzuleben, ohne sie zu verletzen.“

Diese Künste führen schließlich zur „Kunst der Überwindung des Ego“.

Weniger häufig geht Swami in seinen Ansprachen auf den engeren Bereich der „Kunst und Kultur“ ein; allerdings ist der uns geläufige Begriff der Kunst (engl.: „art“)im indischen Kontext auch kaum gebräuchlich. Wenn Swami in diesem Sinne von Kunst spricht, nennt er zumeist ganz konkret die Kunstgattung, die er gerade meint, also zum Beispiel Musik, Theater oder Literatur.

Dennoch gibt es eine Reihe sehr eindringlicher Aussagen, die uns die spirituellen Aspekte von Kunst wieder nahe bringen sollen. Swami definiert „Kunst“ einmal so:

„Kunst hat etwas mit dem Herzen zu tun (im Engl. ein Wortspiel: art/heart), aber heutzutage ist das Herz von den Künsten getrennt. Die spirituelle Grundlage der Künste wird ignoriert.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 21, S. 22)

Ähnliche Aussagen von Ihm kennen wir über Erziehung, die Wissenschaften oder andere gesellschaftliche Bereiche. In allen Lebensbereichen mangelt es heute an den spirituellen Grundlagen.

„Akbar fragte einmal seinen Hofmusikanten, warum er durch die Musik eines Bettlers am Straßenrand tiefer gerührt werde als durch die Musik seines Hofmusikers. Dieser antwortete ihm, dass der Gesang des Bettlers von Herzen komme, um Gott zu gefallen, während er selbst nur den Wunsch habe, dem Kaiser zu gefallen.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 30, S. 56f)

Als Sai Baba einmal Mysore besuchte, relativierte er die landesübliche Wertschätzung der schönen Künste mit den Worten:

„Die Stadt Mysore ist als kultureller Mittelpunkt für Musik, Bildhauerei und andere schöne Künste bekannt. Es gibt aber eine Kunst, die höher einzuschätzen ist als alle anderen: die Kunst des Lebens.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 2, S. 46)

Die Beherrschung der ‚Kunst des Lebens’ steht also an oberster Stelle aller Künste, die sich ihr folglich unterzuordnen, die ihr zu dienen haben. Nur so können sie zum menschlichen Glück beitragen. An anderer Stelle vergleicht er einmal die gesamte Schöpfung mit einer großen Kunstausstellung, aus der sich jeder etwas mitnehmen darf. Was aber wissen wir über den ‚großen Künstler’? Ihn sollten wir suchen!

„Wenn ihr die kosmische Ausstellung betreten habt, müsst ihr das Göttliche suchen. Dann gehört euch das ganze Universum.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 21, S. 62)

Letztendlich kommt alles Geschaffene von Gott und ist uns zu unserer eigenen Entwicklung nur anvertraut. Auch die schönen Künste.

„Musik, Literatur, Tanz usw. und alle heiligen Schriften sind Gottes Geschenke. Alle schönen Künste sind Gottes Geschenke, die man aus Gottes Gnade erhalten hat.“ (Ansprachen aus der Zeit von 13.01.1992 bis 14.08.1998, S. 130)

Sai Baba fordert uns auf, diese Gnadengeschenke auch in der rechten Weise zu nutzen.

Die Entstehung der indischen Künste

Unter den Schöpfungsmythen Indiens gibt es das Nâtyasâstram, eine in Versform geschriebene Lehrschrift, die uns der weise Dichter Bharata vor etwa 2000 Jahren überliefert hat. Sie erzählt, wie die verschiedenen Künste entstanden sind. Das Nâtyasâstram wird auch als fünfter Veda bezeichnet, da er Auszüge aus allen vier Veden enthält:

„Chaos war. Durch den Rhythmus eines göttlichen Tanzes teilte sich das Chaos in Festes und Flüssiges. Dies aber geschah nirgends anders als in einem schlafenden Gott, der im unendlichen Weltenmeer ruht und alle Existenz in sich trägt und erhält. Diesem Gott wurden tausend Namen gegeben, allen voran Vishnu. Aus seinem Nabel wuchs eine tausendblättrige Lotosblüte, in deren Mitte Brahmâ, der Schöpfer, erschien. Er beseelte das Flüssige und Feste und schuf so alle Lebewesen.

Danach versank Brahmâ in tiefes Sinnen. Er suchte zu ergründen, womit er seine Lebewesen bereichern könne, damit sie freudig den Pflichten des Daseins nachkämen, ihre Langeweile vertrieben sei, sie sich weiter entwickeln und nach Vollkommenheit streben könnten. In diesem Moment wurde Brahmâ von den mit Lotos, Jasmin, Lilien und Blüten des Asoka- und des Mangobaumes geschmückten fünf Pfeilen des Liebesgottes Kâma getroffen und verliebte sich in Sarasvatî, die von ihm geschaffene Göttin der Künste.

Die scheue, liebliche Göttin versuchte, dem verliebten Blick Brahmâs zu entweichen, und versteckte sich. Doch Brahmâ bekam vier Gesichter, die in alle vier Himmelsrichtungen schauten. Als Sarasvatî sich auch verliebte, wurden ihre Schritte zu
Tänzen, alles was ihr Mund formte, zu Poesie, und das Spiel ihrer Hände wurde zu Musik. Sie wird deshalb Sangitâ genannt: die Einheit von Tanz, Musik und Poesie.

Brahmâ zeugte 64 Künste, die Sarasvatî gebar: die Tanzkunst war dieErstgeborene der Künste.

(Aus: Angelika Sriram, Lotosblüten öffnen sich, Indischer Tempeltanz, München 1989)

Das Theater

In Indien genießen Theater und Schauspielkunst ein hohes Ansehen, vor allem deshalb, weil diese Kunstgattung am ehesten die (zum Großteil noch nicht alphabetisierten) Massen erreicht und entsprechend wirksam ist. Swami war in seiner Jugend selbst ein begeisterter Stückeschreiber und Schauspieler und brachte im Alter von nur zwölf Jahren ein selbstgeschriebenes Theaterstück mit dem Titel „Tun wir, was wir sagen?“ auf die Bühne. Er spielte natürlich selbst die Hauptrolle. In späteren Jahren nutzte er daher gerne die Gelegenheit, Theaterfestivals zu eröffnen. Bei einer solchen Feier im Jahre 1964 in Kurmul sprach Swami sehr ausführlich über die verantwortungsvolle Aufgabe von Stückeschreibern und Schauspielern.

Sai Baba sagte: „Eine Person, die einer Vorstellung beiwohnt, muss das Theater als ein besserer, stärkerer, mutigerer Mensch verlassen, nicht ärmer und schwächer und noch weniger in der Lage, den Versuchungen der Welt zu widerstehen. Denkt daran, wenn ihr ein Stück für die Bühne auswählt oder eure Feder zum Schreiben ansetzt.“ Und er fuhr fort: „Ihr inspiriert die Zuschauer, ihr Leben zu ändern. Sie lernen von euch, den Pfad der Frömmigkeit zu gehen, auf dem man inneren Frieden findet, denn ihr bringt es fertig, das Leben großer Heiliger für sie nachzuvollziehen.“

Autoren wie Schauspieler haben also eine große Verantwortung den Zuschauern gegenüber, und ihr Ziel sollte die moralische Verfeinerung des Menschen sein. Nicht unerwähnt lässt Swami, dass auch sie selbst davon profitieren:

„Identifiziert euch mit den heiligen Charakteren, die ihr spielt; es wird euch inspirieren und Freude bereiten. Ihr werdet dadurch auch viel bessere Schauspieler werden und euch die Dankbarkeit Tausender verdienen. (...) Benutzt die dramatische Kunst und die Möglichkeiten, die sie euch bietet, euch in der Selbstaufgabe zu üben (sâdhana). Das ist der schnellste Weg zur Selbstverwirklichung.“

Die Umsetzung dieser Forderung können wir gut an besonderen Festtagen in Prashanti Nilayam beobachten und erleben, nämlich dann, wenn in der Purnachandra Halle vor fast zwanzigtausend Zuschauern und in Swamis Präsenz Theaterstücke aufgeführt werden. Sie alle behandeln spirituelle Themen und verbinden die anwesenden Devotees in einem Geiste gemäß Babas Ausspruch:

„Wenn ihr ein Theaterstück schreibt, verwandelt alles Niedrige und Weltliche in das Höhere und Spirituelle. (...) Stärkt die spirituellen Beziehungen von Mensch zu Mensch.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 4, S. 121f)

Die Dichtung

Aber auch die Dichter eines Volkes haben diese Verantwortung; nicht nur ihrem Publikum, sondern der ganzen Nation gegenüber! In einer Ansprache während des Dasara-Festes im Jahre 1969 – Swami hatte gerade den Vorträgen einiger Dichter zugehört – kennzeichnete er ihre noblen Aufgabe wie folgt:

„Der Dichter wird auch ‚kavi’ genannt. In unserer alten Sprache, dem Sanskrit, enthält dieses Wort die höchsten Werte. Die Dichtkunst des ‚kavi’ ist zeitlos, denn er schafft die Grundlage für den menschlichen Fortschritt. Durch seine hervorragenden, intuitiven Fähigkeiten erkennt er, dass die Zeit ohne Anfang und ohne Ende ist. Er erlebt, dass Gott in ihm und allen anderen gegenwärtig ist, er kennt das Objekt, den Spiegel und das Spiegelbild.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 7, S. 104)

„Wahre Dichtkunst befasst sich nur mit Idealen, die der Wohlfahrt des Menschen dienen und die sich auf sein wirkliches Wesen (âtman) beziehen.“ (Sommersegen, Bd.3, S. 158)

Es ist eine hohe Anforderung, von der Swami hier spricht, und die heutzutage weniger denn je beachtet wird. Dichtkunst entspringt der Gottesschau! Oder mit Swamis Worten:

„Nicht jedem steht es zu, ein Dichter genannt zu werden. Nur wer den Geist der Veden erfasst hat und die Fähigkeit besitzt, in seinem Geist Gott zu schauen, kann ein Dichter (kavi) genannt werden. Allein die Worte, welche aus den Tiefen des Herzens kommen, können als Poesie bezeichnet werden.“ (Sommersegen, Bd. 3, S. 158)

Swami weist auch darauf hin, dass die Dichtkunst in früheren Zeiten als ein Werkzeug angesehen wurde, „welches die Wohlfahrt des Landes und seiner Bevölkerung sicherstellen sollte“ (Sommersegen Bd.4, S. 10). Dichter empfanden es aufgrund ihrer spirituellen Ausrichtung als eine innere Verpflichtung, ihre tiefen Einsichten und Erkenntnisse an alle Menschen weiterzugeben.

Bei den heutigen Dichtern und ihre Werken verhält es sich dagegen oft anders. Egoismus und selbstsüchtige Interessen herrschen vor, und so findet Sai Baba immer wieder Anlass, sie zu ermahnen und an ihre hohe Verantwortung der Gesellschaft gegenüber zu erinnern:

„Dichter müssen hohe Ideale haben und eine begeisterte Liebe für die Kultur des Volkes empfinden. Sie müssen die schöpferische Hand Gottes, des größten aller Dichter, in jedem Staubkorn, in jedem Lichtstrahl, in jedem Regentropfen, in jedem Windhauch erkennen.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 7, S. 104)

Da ihre Dichtung zumeist aber nur von äußeren Dingen und Sinnesempfindungen handelt und eigentlich ‚extrem hohl und saftlos’ ist, wie er sagt, ruft er ihnen zu:

„Die mitzuteilende Idee (bhâva) ist das Wirkliche; die Sprache, in die es gekleidet wird (bhâshâ), ist nur von oberflächlichem Interesse. Ich möchte, dass ihr die Idee aufnehmt; ich möchte, dass die Dichter reine Ideen (bhâva) zum Ausdruck bringen, nicht bloß schöne Worte.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 9, S. 54)

Swami geht es also um die Inhalte, mit denen sich Dichter und Schriftsteller heute auseinandersetzen. Nur wenn sie sich auf diese ihre eigentliche Aufgabe ausrichten, kann auch die Gesellschaft als Ganzes spirituell fortschreiten. Dann werden sie sogar zu ‚Gurus für ernsthaft Suchende’, entsprechend Swamis Forderung:

„Dichter müssen zunächst Gott entdecken und dann ihre Ekstase an jene weitergeben, die nach dieser Glückseligkeit dürsten.“ (ebd. S. 55)

Die Musik

Unter den schönen Künsten ist es vor allem die Musik, die in Prashanti Nilayam gepflegt wird, und die den Hauptanteil an kulturellen Programmen im Ashram bildet. Swamis Studenten üben nicht nur das Bhajan-Singen, sondern „überraschen“ ihn so manches Mal mit ihren musikalischen Darbietungen. Sai Baba sagte am 25.12.1997 in einer Ansprache vor ihnen:

„Gott liebt die Musik, er lässt sich von Musik betören. (...) Nirgendwo ist größere Freude zu finden als in Musik und Gesang. Ihr könnt Gott nur mit eurer Musik erfreuen. Gott trinkt die Musik der Devotees. Musik ist also überaus heilig. Sie ist ein Spiegel des inneren Wesens.“ (Ansprachen aus der Zeit von 13.01.1992 bis 14.08.1998, S. 58)

Musik hat, wie die anderen schönen Künste, in Indien eine lange Tradition. Sie begleitet schon immer kultische Handlungen und beeinflusst mit ihren feineren Schwingungen den Zuhörer. Man kennt ihre heilsame Wirkung auf den Geist, ihre Fähigkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit herzustellen und die Wogen der Erregung und der Sorgen zu glätten; Leidenschaften werden sublimiert und Gefühle beruhigt. Sie vermittelt – wie Swami des Öfteren ausführt – die rechten Impulse, nach höheren Zielen zu streben. Sie ist also „ein ausgezeichnetes Mittel, die Liebe zu Gott zu verbreiten“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 1, S. 85), wie wir es beim Bhajansingen selbst erfahren können. Umso bedauerlicher ist es, dass diese spirituelle Qualität der Musik immer mehr in Vergessenheit geraten ist. Aber Swami erinnert uns immer wieder daran, dass Musik in der Lage ist, uns mit ihm zu verbinden, ja ihn zu ‚rühren’!

„Der Herr liebt Musik ... Melodische Musik kann den Herrn und alle, die sich daran beteiligen, zutiefst bewegen ... Selbst der Herr wird durch melodischen Gesang gerührt!“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 30, S. 76)

Die bildende Kunst

Als Sai Baba 1958 einmal mit dem Auto auf dem Weg von Coimbatore nach Trivandrum durch Kerala reiste, bewunderte er die Schönheit dieses Landes und verglich seine Landschaft mit einem ‚gewaltige(n) Gemälde eines großen Künstlers auf einer riesigen Leinwand’. In seiner Ansprache in der Hauptstadt sagte er dann: „Der Herr erfreut sich an diesen Dingen wie ein Maler. Er findet Gefallen an Seinem Werk, wenn Er vor Seinem Gemälde oder Seiner Skulptur steht. Um die Herrlichkeit Gottes in der lieblichen Szenerie um euch herum erkennen zu können, braucht ihr nicht das äußere, sondern das innere Auge. Wenn ihr das öffnet, wird jeder Gang durch das Land, jede Fahrt über das Wasser zu einer Pilgerreise durch heiliges Land, die euch in jeder kleinsten Wolke oder Grünfläche eine Gotteserfahrung vermittelt. Aber alle diese Schönheit muss den Menschen zur wahren Wirklichkeit führen und diese zu innerem Glück. Das ist der natürliche Weg. Die Schönheit der Schöpfung Gottes führt den Menschen zur Herrlichkeit Gottes. Wenn ihr das Gemälde gesehen habt, wollt ihr etwas über den Maler wissen. Wenn ihr die Wahrheit Gottes erkennt, wird Seine Gnade euch Glückseligkeit verleihen.“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 1, S. 67)

Wie die anderen schönen Künste haben auch Malerei und Bildhauerei ihrem Ursprung im sakralen Bereich. Bilder und Skulpturen waren zuerst schmückende Beigaben sakraler Bauten. Zur Verherrlichung Gottes entstanden, konkretisierten sie die Vorstellungswelt der Andächtigen, richteten sie dadurch aus und trugen mit dazu bei, den Kult zu stabilisieren. Schönheit (sundaram) ist eine der vier Eigenschaften Gottes und somit auch Bestandteil jeder Kunst. Sai Baba sagt:

„Wenn ein Bildhauer einen Stein sieht, sieht er sofort die Schönheit der Form, die darin verborgen und gefangen ist, und er hat keine Ruhe, bis er diese Form von den Fesseln des Steines befreit hat. Seht den Stein nicht als Stein, seht Gott, die allem zugrunde liegende Wirklichkeit darin!“ (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 1, S. 104)

Die ‚Schönheit der Form’ ist göttlich und kann vom Künstler nur mit dem Herzen wahrgenommen werden. Im Sinne des anfangs zitierten Wortspiels „art – heart“ hat der deutsche Maler Caspar David Friedrich (1774-1840) einmal gesagt: „Die einzig wahre Quelle der Kunst ist unser Herz, die Sprache eines reinen kindlichen Gemütes. Ein Gebilde, so nicht aus diesem Borne entsprungen, kann nur Künstelei sein. Jedes echte Kunstwerk wird in geweihter Stunde empfangen und in glücklicher geboren, oft dem Künstler unbewusst aus innerem Drange des Herzens.“ Dieser ‚Drang des Herzens’ ist die Kraft, die den Künstler wie auch den Betrachter seiner Kunst zu transformieren vermag.

Daher hat Sai Baba bei vielen Gelegenheiten immer wieder unmissverständlich klar gemacht, dass jeder künstlerische Ausdruck die Möglichkeit zur spirituellen Transformation enthält; sowohl der Transformation des Künstlers als auch der des Publikums. Alle schönen Künste können dazu einen Beitrag leisten, wenn sie im Geiste der Ausrichtung auf das Göttliche ausgeübt werden. Swami sagt:

„Dichtung, Schauspiel, Bildhauerei, Malerei, Musik, Tanz und Literatur (unterstützen und wiederbeleben) den geistigen Auftrag der Hindu-Kultur (Hindu dharma)“. (Sathya Sai Baba spricht, Bd. 3, S. 128)
Das lässt sich natürlich auf jede Kultur übertragen. Auch für unseren abendländischen Kulturraum gibt es einen geistigen Auftrag, den wir über die Ausübung der schönen Künste erfüllen können. Er mag zwar von dem der Hindu-Kultur verschieden sein – der geistige Auftrag einer jeden Kultur aber ist die Transformation des Menschen hin zum Göttlichen.

 

Das Kunst- und Kulturfestival der Sathya Sai Organisation Deutschland im kommenden Jahr ist daher ein willkommener Anlass, sich diesem spirituellen Auftrag zu stellen.

Norbert Nicolaus, 2003