September 2007 - Jahrgang 1 - 9. Ausgabe

spacer

 

Der Trick des Herrn

Neben dem Flussbett des Ganges in der Nähe des heiligen Rishikesh im Himalaya gab es einst einen Ashram, der einige Suchende wegen der Heiligkeit des obersten Mönches angezogen hatte. Der Guru (spirituelle Meister) nahm alle Suchenden auf, die ein Leben der Hingabe an Gott erlernen wollten; Aber seine Liebe war von solcher Art, dass er oft nicht unterschied, wem er erlaubte zu bleiben.

 

Nach einiger Zeit bemerkte er, dass die Aschram-Bewohner sich oft stritten, und er hörte unanständige Worte, die ihn verletzten. „Warum sind sie miteinander ärgerlich?“, fragte sich der Guru. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen irgendjemanden rauszuschmeißen – von solcher Art war sein Mitgefühl. Eines Tages sah er zwei Insassen, die sich über das Essen in der Kantine des Ashrams stritten. Dieser Vorfall schockierte ihn und er ging mutlosen Stimmung zu seiner Hütte zurück.

„Was könnte an ihnen falsch sein?“, fragte er sich. Er zerbrach sich den Kopf über das Problem, wie er die Situation beheben und ihre Seelen emporheben sollte. Also gab er ihnen mehr Unterweisungenn und mehr persönlichen Rat für ihr Sadhana. Die Ehrfurcht der Insassen vor ihrem Guru nahm zu, aber unglücklicherweise drückte sich dies nicht in besserem Verhalten zu einander aus.

Der Guru entschloss sich nun Buße zu praktizieren und bat den Herrn um göttliche Hilfe, bevor die Angelegenheit schlimmer werden sollte. Also schloss er sich für eine Woche in seiner Hütte ein, bewahrte Stille und nahm eine reduzierte Kost zu sich. Nach einigen Tagen des intensiven Gebets und der Meditation wurde er mit einer Vision des himmlischen Lichts belohnt. Der Guru war ganz in Glückseligkeit, als die nektargleiche Stimme des Herrn durch das Licht kam:

„Mein Kind, mein liebes Kind.” Der Guru traute seinen Ohren nicht. Er war außer sich vor Freude, die süße Stimme zu hören. „Bist du es wirklich, mein Herr“, fragte er voller Ekstase und Unglaube. „Ja mein Kind“, sagte Gott liebevoll. „Sage mir, was ich für dich tun kann?“

Der Guru warf sich vor der göttlichen Stimme nieder und sagte: „Liebster Herr, bitte komm in meinen Ashram.“

„Wozu?“ fragte die Stimme.

„Du weißt alles Herr“, übermittelte der Guru demütig. „Dennoch soll ich es sagen. Die Mitglieder des Ashrams hassen einander, sie sind aufeinander eifersüchtig. Herr, wenn du kommst und mit uns für eine Woche verweilst, werden sie mit reinen und edlen Gedanken erfüllt werden.“

Der gütige Herr antwortete: „Sicherlich werde ich kommen, aber nicht für eine Woche, sondern für immer.“

Die Freude des Gurus kannte keine Grenzen. Aber die Stimme setzte fort: „Aber nur unter einer Bedingung.“

„Wie lautet sie, mein Herr“, fragte der Guru eifrig.

„Ich werde kommen, aber nicht in dieser Form“, stellte der Herr klar. „Ich werde immer beim Ashram in der Verkleidung einer der Insassen sein. Ich werde mich immer in den Herzen von einem von ihnen bewegen; es könnte jeder von ihnen sein.“
 

Mit diesen Worten verschwand das Licht.

Nachdem der Guru sich von dieser himmlischen Erfahrung erholt hatte, öffnete er die Tür seiner Hütte und rief alle Aschramiten zu sich, um sich zu versammeln. Als er sie über Gottes Wunsch in ihren Herzen zu wohnen informierte, waren sie überglücklich, aber auch verwirrt.

„Ist dieser Mitbewohner, der neben mir sitzt, Gott in Verkleidung?“, dachte ein Schüler. „Wer könnte die Person, die „Gott in Verkleidung“ ist, sein?“ Niemand wusste es, und jeder war am Rätseln und dadurch aber auch achtsam. Denn jeder dachte: „Wie kann ich gegen irgendjemand hier kämpfen? Was ist, wenn er einer ist, in dem Gott jetzt anwesend ist?“ Und so kam langsam eine subtile Veränderung über jeden von ihnen. Sie fingen an, Gott in jedem zu sehen und ergriffen jede Gelegenheit dem anderen zu helfen und liebenswürdig und höflich zu sein. Die ganze Atmosphäre im Ashram war jetzt völlig verändert – nur Liebe und Harmonie siegten.

Der Guru war nun der glücklichste Mensch. Der Trick des Herrn hatte Wunder gewirkt.

Wenn wir darüber nachdenken, können wir unsere Familie, unsere Gesellschaft und unsere Erde wie diesen Aschram machen – voller Frieden und Harmonie – wenn wir nur daran glauben und das Gefühl praktizieren, dass jeder von uns einfach Gott in einer anderen Form ist.

Unser Leben würde sicherlich in jedem Augenblick eine süße Erfahrung sein.

Nach: Nava Sarathi Dezember, 2003, Illustrationen: Sai Aditya, SSSU


spacer